Skip links

Flexible Ausbildungsformate
„Viele Jugendliche und Betriebe kennen die vielen Möglichkeiten im Ausbildungssystem nicht“

Die Berufsausbildung in Deutschland gilt als Vorzeigemodell, doch einiges läuft seit Jahren nicht rund. Zu viele unbesetzte Stellen und zu hohe Abbruchquoten lassen die Frage aufkommen, ob das System grundlegend reformiert werden muss. In einem interessanten Beitrag weist Julia Holleitner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf bislang kaum genutzte flexible Ausbildungsformate hin. Wir hakten nach.

Frau Holleitner, Sie haben darauf hingewiesen, dass die deutsche Ausbildungsordnung viel flexibler ist, als viele denken. Würden Sie sagen, dass an dieser Stelle das Ausbildungsmarketing nicht richtig funktioniert?

So könnte man das sagen. Das Problem ist weniger, dass es derzeit keine flexiblen Möglichkeiten in unserem Ausbildungssystem gibt, sondern dass viele Jugendliche und Betriebe sie nicht kennen. Es scheint hier also einen Mangel an Informationen auf beiden Seiten zu geben. Gleichzeitig muss man aber auch bedenken, dass Dinge wie Teilzeitmodelle oder bestimmte Förderangebote auch praktisch umsetzbar sein müssen.

Gehen wir die Punkte einmal durch. Viele meinen ja, dass man eine Ausbildung nur dann auf zwei Jahre verkürzen kann, wenn man ein Abi mitbringt. Dem ist aber nicht so, richtig?

Genau, ein Abi ist nur einer von mehreren möglichen Gründen. Auch Dinge wie eine bereits abgeschlossene Berufsausbildung, einschlägige Berufserfahrung sowie schon absolvierte Ausbildungszeiten können für eine Verkürzung der Ausbildung berücksichtigt werden. Dabei lassen sich auch mehrere Gründe miteinander kombinieren. Entscheidend ist, dass das Ausbildungsziel voraussichtlich auch in der kürzeren Zeit erreicht wird. Die endgültige Entscheidung trifft dann letztlich die zuständige Kammer. Daneben gibt es noch Ausbildungsberufe, die von vornherein auf zwei Jahre ausgelegt sind. Derzeit gibt es knapp 50 solcher Ausbildungen. Sie bieten einen sehr praxisorientierten Berufseinstieg und anschließend kann man häufig in einem passenden sogenannten Fortsetzungsberuf weiterlernen. Das ist dann im Grunde eine Art modularer Weg vergleichbar mit Bachelor und Master: Man hat bereits nach zwei Jahren einen anerkannten Fachkraftabschluss und kann danach entscheiden, ob und wie man sich weiterqualifizieren möchte.

Nächster Punkt: Man kann eine Ausbildung auch in Teilzeit absolvieren – das wissen auch die wenigsten.

Ja, und seit 2020 steht diese Möglichkeit auch grundsätzlich allen Auszubildenden offen, also nicht nur Menschen mit Pflege- oder Betreuungsaufgaben. Die betriebliche Ausbildungszeit kann reduziert werden, wobei sich dafür dann in der Regel die Gesamtdauer der Ausbildung verlängert. Man muss allerdings bedenken, dass sich die Teilzeitregelungen nur auf den betrieblichen Teil der Ausbildung beziehen, während die Berufsschule meist nicht in Teilzeit organisiert werden kann. Trotzdem kann das Modell für viele Menschen ein entscheidender Türöffner zu einer Ausbildung sein. Das ermöglicht zum Beispiel auch, dass Personen neben der Ausbildung noch Sprachkurse absolvieren können.

Und dann weisen Sie in Ihrem Beitrag auch auf zwei Förderinstrumente hin: Die Einstiegsqualifizierung, bei der der eigentlichen Ausbildung ein längeres Praktikum vorgeschaltet ist. Und dann die sogenannte „Assistierte Ausbildung flexibel“, die AsA flex, bei der Jugendlichen bei Bedarf Coachings, Nachhilfe und Sprachkurse angeboten werden und die Ausbildungsbetriebe selbst auch Unterstützung bekommen. Ihre Feststellung lautet: Beide Instrumente werden zu selten genutzt. Warum ist das so? Und was könnte man tun, um das endlich zu ändern?

Die Gründe liegen sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Betrieben. Gerade die AsA flex kann von Teilnehmenden teilweise eher als zusätzliche Verpflichtung wahrgenommen werden. Das dürfte auch zu den teils hohen Abbruchquoten beitragen, die wir beobachten. Viele Unternehmen wiederum kennen die Förderangebote nicht ausreichend oder scheuen sich vor dem damit verbundenen administrativen Aufwand. Dabei wissen wir sowohl von der AsA flex als auch von der EQ: Wenn diese Angebote genutzt werden, ist die Zufriedenheit sowohl bei den Jugendlichen als auch bei den Betrieben meistens sehr hoch. Das zeigt, dass nicht unbedingt die Instrumente selbst das Problem sind, sondern häufig ihre geringe Bekanntheit. Flexibilisierungsmöglichkeiten und Förderangebote sollten nicht als Notlösung für schwierige Fälle wahrgenommen werden, sondern als Bestandteil eines modernen Ausbildungssystems.

https://iab-forum.de/flexible-ausbildungsformate-sind-ein-wichtiges-aber-kaum-genutztes-instrument/

← Zurück

Leave a comment

sieben + zwei =