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Künftiger Arbeitskräftebedarf
„Nicht Arbeitslosigkeit wird das zentrale Problem sein, sondern Arbeitskräftemangel“

Unsere Wirtschaft schwächelt seit Jahren, täglich gibt es Meldungen über Entlassungen und Firmenschließungen. Wer denkt, dass aktuell kein guter Zeitpunkt sei, Schulabgänger*innen Mut für ihre Zukunft zu machen, bekommt heftigen Widerspruch von Soziologie-Professor Florian Butollo. Die zentrale Botschaft seines neuen Buches lautet: Der Arbeitskräftemangel wird sich verschärfen.

Herr Professor Butollo, wir hatten vor Corona schon einmal eine Phase, in der der Fachkräftemangel das vorherrschende Problem in den Unternehmen wurde. Ein paar Jahre später sieht alles etwas anders aus, Kriege, teure Energie, KI und Entlassungen machen Angst, dass die Arbeitslosenzahlen immer weiter steigen könnten und dass die jungen Menschen Probleme bei ihrer Berufsplanung bekommen. Sie haben unlängst ein Buch geschrieben, das viele Argumente dafür liefert, dass alles anders kommt als befürchtet. Welche guten Nachrichten haben Sie für diejenigen, die bald studieren oder eine Ausbildung beginnen möchten?

Vor allem die Erkenntnis, dass menschliche Arbeit nach wie vor gefragt ist und sogar in vielen Feldern zu einem knappen Gut wird. In der Tat ist die aktuelle Situation mit breitflächigerem Stellenabbau in der Industrie und zunehmend auch in anderen Branchen prekär. Berufseinsteiger haben es aktuell nicht leicht, weil Unternehmen aufgrund der unsicheren ökonomischen Situation konservativ mit Neueinstellungen sind. Doch bisher geht das gesamte Arbeitsvolumen kaum zurück. Die Beschäftigung liegt in Deutschland mit knapp 46 Millionen Beschäftigten nach wie vor auf einem historischen Höchststand, rund fünf Millionen mehr als noch vor etwa 15 Jahren – trotz Digitalisierung und schwacher wirtschaftlicher Entwicklung. Während die Nachfrage nach Arbeit hoch bleibt, gibt es weniger Menschen, die diese Arbeit verrichten können. Der Fachkräftemangel der letzten Jahre war nur Vorbote einer Tendenz, die uns in den nächsten Jahren noch viel mehr beschäftigen wird. Das sind insofern gute Nachrichten, als dass Berufanfänger:innen sich nicht so sehr dafür zu fürchten müssen, arbeitslos zu werden. Es bedeutet aber auch, dass die Menschen in vielen Berufsfeldern überlastet sind. Überlastung wird zu einem der drängendsten Probleme der nächsten Jahrzehnte.

Inzwischen häufen sich deutschlandweit Meldungen über nicht besetzte Plätze in den Kitas, es gibt weniger Kinder. Ist damit zu rechnen, dass schon bald flächendeckend die Schülerzahlen und dann auch die Zahl der Berufsstarter massiv zurückgehen werden?

Die nicht besetzten Kita-Plätze bleiben die Ausnahme, insgesamt gibt es viel zu wenige Betreuungskapazitäten. Weil wir inzwischen in einer Vollerwerbsgesellschaft leben, in der meist beide Elternteile arbeiten, ist der Bedarf an Betreuungsmöglichkeiten gestiegen. Und die Politik fordert derzeit ja noch mehr Arbeitseinsatz, obwohl viele Familien und erst recht Alleinerziehende schon an der Belastungsgrenze sind. Die Zahl der Schulabgänger ist schon in den 2000er und 2010er Jahren gesunken und wird eher konstant bleiben. Weil geburtenstarke Generationen aber nun in Rente gehen, reicht der Nachschub schlicht nicht aus, um die freiwerdenden Stellen zu besetzen, zumal ja nicht gesagt ist, dass die jüngeren Generationen in denselben Feldern aktiv werden, wie die Generationen vor ihnen. Das macht sich vor allem in der Industrie und im Handwerk bemerkbar.

Die Wirtschaft ist im Wandel, die Firmen können mit einem erhöhten Einsatz von KI viele Arbeitsplätze einsparen. Sie widersprechen an dieser Stelle vehement.

KI-bedingte Automatisierung findet durchaus statt, zum Beispiel in vielen Funktionen des Kundenservice. Wir stellen aber auch fest, dass mit der Verfügbarkeit von KI zugleich neue Anforderungen entstehen. Vor allem im Marketing und in der Programmierung berichten uns Unternehmen und Beschäftigte, dass nun eben noch vielfältigere Werbekampagnen und Softwarepakete angeboten werden können, eben weil sich mit den technischen Möglichkeiten neue Horizonte auftun. Im Grunde setzt sich da eine Tendenz der letzten Jahre fort: gerade in der Softwareentwicklung sehen wir seit Jahren Automatisierungsschritte und dennoch gibt es mehr Arbeit als je zuvor. Die Konkurrenz der Anbieter treibt das Tempo der Produkterstellung und die Komplexität der Projekte, eben weil neue Werkzeuge zur Verfügung stehen. Ich sehe diese Frage in einer längeren historischen Linie. Die Automatisierung begleitet uns schon seit dem Beginn der Industrialisierung und hat immer wieder Schübe erlebt. Das Gesamtvolumen der Arbeit ist aber gestiegen, weil unsere Wirtschaft immer ausdifferenzierter, komplexer und beschleunigter geworden ist. Bei KI kommt hinzu, dass man relativ viel investieren muss, bevor sie Erträge zeitigt, sie erfordert Arbeit der Implementierung. In Deutschland sind derzeit mehrere Hunderttausend Menschen mit der Einführung von KI befasst. Das ist mehr als bislang eingespart wurde.

Wie lautet ihr Tipp für diejenigen, die jetzt noch die Schulbank drücken? In welche Branchen sollten sie gehen, und welche eher melden? Wie finde ich Ihrer Meinung nach die Ausbildungsgänge und Jobs, die mir schon in wenigen Jahren allerbeste Chancen bieten?

In aller erster Linie sollte man seinen Interessen folgen. Wenn man eine intrinsische Motivation für eine Aufgabe verspürt, vielleicht ein Talent kultiviert, dann ist das die beste Voraussetzung dafür, da beruflich etwas daraus zu machen. Die meisten Tätigkeitsfelder verändern sich, sie sterben nicht einfach aus. Wenn man in sich mit einem Beruf beschäftigt, merkt man schnell, welche Aufgaben gefragt sind. Das heißt auch, sich Fähigkeiten anzueignen, die mit der Bedienung neuer technischer Mittel zu tun haben, zum Beispiel die Validierung von KI-Ergebnissen. Technische Skills werden insgesamt wichtiger; wir sehen in unserer Forschung aber auch, dass die fachlichen Grundlagen gerade im Kontext des technischen Wandels wichtiger werden. Wie man Technik richtig einsetzt und wie das zu bewerten ist, weiß man nur, wenn man sein Fach gut kennt. Die Fundamente bleiben also wichtig.

Sie lehren an der Goethe-Universität in Frankfurt im Fach Soziologie. Studienabgänger*innen merken zurzeit ganz deutlich, dass es nicht ganz so leicht ist wie gedacht, einen Job zu finden. Helfen Ihre Forschungsergebnisse, die Stimmung wieder anzuheben?

Das ist im Moment in der Tat schwierig. Die Klimakrise, der Aufstieg der AfD, die geopolitischen Spannungen mit ihren grotesken Ausprägungen und die Katzenjammerstimmung über die ökonomische Situation in Deutschland prägen das Grundgefühl. Die Erosion wichtiger öffentlicher Infrastrukturen macht meinen Studierenden auch ganz konkret zu schaffen, denn an der Goethe-Universität wird massiv gekürzt und die Studien- und Arbeitsbedingungen werden sich massiv verschlechtern, wenn das durchgesetzt wird. Es gibt also gute Gründe dafür, besorgt und wütend zu sein. Meine Forschung verfolgt auch nicht das Ziel, gute Laune zu verbreiten, sondern eher einen klareren Blick auf die Konflikte der Gegenwart zu entwickeln: nicht Arbeitslosigkeit wird das zentrale Problem sein, sondern Arbeitskräftemangel. Das bedeutet durchaus, dass die Beschäftigten neue Machtpotenziale entfalten können, weil sie ja nicht mehr mit dem Rücken zur Wand stehen, wie es in Phasen der Massenarbeitslosigkeit der Fall ist. Aber die Überlastung innerhalb und außerhalb der Erwerbsarbeit wird zu einem gravierenden gesellschaftlichen Problem. Wenn Arbeit zu einem knappen Gut wird, müssen wir uns außerdem vermehrt die Frage stellen, wofür sie eingesetzt werden soll. Es gibt viele Tätigkeiten von zweifelhaftem gesellschaftlichem Wert, während zum Beispiel in der Pflege zu wenig Arbeitskräfte vorhanden sind. Und auch der ökologische Umbau erfordert eine Menge Arbeit, wenn er gelingen soll. Wir sollten uns also fragen, welche Ziele uns wichtig sind und dafür arbeiten.

Wie klar war Ihnen selbst nach der Schulzeit, wohin es für Sie berufsmäßig geht?

Gar nicht. Mir ging es wie vielen Absolvent:innen heute. So viele Optionen und nur ein diffuses Bild darüber, wie diese eigentlich aussehen. Mein beruflicher Weg hat sich erst im Laufe der Jahre herauskristallisiert, zumal ich eher über Umwege in die Wissenschaft gekommen bin. Ich beobachte diese Unsicherheit bei vielen jungen Menschen. Je komplexer unsere Arbeitswelt und je unsicherer die gesellschaftlichen Zustände, desto schwieriger die Berufs- und Identitätsfindung. Man darf sich dafür auch Zeit nehmen und kann das spielerisch angehen.

© Foto: Karolin Klüppel

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