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Karrieren im Öffentlichen Dienst
„Die Gestaltungsmöglichkeiten werden oft unterschätzt“

Rund fünf Millionen Menschen arbeiten in Deutschland in der öffentlichen Verwaltung, also ist jede neunte Erwerbsperson in einem der 130 verschiedenen Berufe und Ausbildungen beschäftigt. Die Berliner Agentur Next:Public berät den öffentlichen Dienst seit vielen Jahren und weiß um die Bedeutung der Ausbildung in deutschen Ämtern. Wir sprachen mit Geschäftsführer Carsten Köppl.

Herr Köppl, Ihre Agentur hat vor einigen Jahren neben vielen anderen Studien auch das „Nachwuchsbarometer Öffentlicher Dienst“ veröffentlicht. In der letzten Studie von 2019 stand, dass viele Menschen in der Verwaltung nicht wirklich glücklich sind mit ihrem Job: Starre Strukturen, altmodische Kommunikation, mangelnde Perspektiven. Haben sich die Bedingungen seit damals geändert?

Wenn man auf die Ergebnisse des Nachwuchsbarometers zurückblickt, zeigt sich vor allem eines: Viele der damals beschriebenen Themen sind weiterhin relevant. Aspekte wie starre Strukturen, lange Entscheidungswege oder unzureichend transparente Entwicklungsperspektiven prägen nach wie vor die Wahrnehmung vieler Beschäftigte. Gleichzeitig sehen wir aber auch Bewegung. Themen wie flexible Arbeitsmodelle, neue Formen der Zusammenarbeit oder eine modernere Kommunikation werden heute deutlich stärker adressiert als noch vor einigen Jahren. Die Corona-Pandemie hat dabei sicherlich zu einer Beschleunigung der Veränderungen geführt, auch wenn Veränderung in der Verwaltung eben selten sprunghaft, sondern eher schrittweise erfolgt. Unser Eindruck ist daher: Es hat sich sicherlich etwas getan – aber nicht überall im gleichen Tempo und nicht immer sichtbar für alle Beschäftigten.

Würden Sie dennoch sagen, dass man sich den öffentlichen Dienst bei der Berufswahl einmal ganz genau anschauen sollte?

Unbedingt. Der öffentliche Dienst bietet eine enorme Vielfalt an Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten, die oft unterschätzt werden. Das Bleibebarometer Öffentlicher Dienst hat gezeigt, dass viele Beschäftigte ihre Tätigkeit als sinnstiftend erleben – gerade weil sie unmittelbar mit gesellschaftlich relevanten Themen zu tun haben. Gleichzeitig ist wichtig, sich ein realistisches Bild zu machen. Verwaltung bedeutet nicht nur Gestaltung, sondern unterliegt auch gewissen Regeln. Wer damit umgehen kann und Interesse an öffentlichen Aufgaben hat, findet hier sehr spannende Arbeitsfelder und arbeitet gleichzeitig am Rückgrat unserer Gesellschaft mit.

Arbeitsplatzsicherheit war immer schon ein Grund für Menschen, in die Verwaltung zu gehen. Aber offenbar reicht dieses Argument nicht mehr aus, viele Lehrstellen bleiben unbesetzt. Heißt das im Umkehrschluss, dass die Verwaltungen inzwischen Anstrengungen unternehmen, attraktiver zu sein? Zu was raten Sie in Ihrer Beratungspraxis?

Das Thema Arbeitsplatzsicherheit ist weiterhin ein wichtiger Faktor – insbesondere in einem Zyklus des wirtschaftlichen Abschwungs – aber allein reicht er heute nicht mehr aus. Das zeigen auch die Rückmeldungen aus dem Nachwuchsbarometer: Aspekte wie Arbeitskultur, Entwicklungsmöglichkeiten und Führung spielen eine wichtige Rolle. In unserer Beratungspraxis sehen wir, dass viele Verwaltungen sich dieser Herausforderung bewusst sind und beginnen, gezielt an ihrer Arbeitgeberattraktivität zu arbeiten. Fachkräfte sind eben auch in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten gefragt und da bedarf es mehr als nur dem Argument „Komm zu uns, da ist dein Arbeitsplatz sicher“. Wir raten in der Praxis vor allem dazu, Arbeitgeberattraktivität nicht als Einzelmaßnahme zu verstehen, sondern als Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Ein häufiger Reflex ist, zunächst auf Recruiting oder Außenkommunikation zu schauen. Das ist verständlich – greift aber oft zu kurz. Die entscheidende Frage ist nicht, wie sich eine Verwaltung nach außen darstellt, sondern wie sie intern tatsächlich erlebt wird. Deshalb empfehlen wir, zunächst eine ehrliche Bestandsaufnahme zu machen. Auf dieser Grundlage lassen sich dann gezielt Maßnahmen entwickeln – von klareren Karrierewegen über bessere interne Kommunikation bis hin zu sichtbarerem Employer Branding.

Man kann ja sagen, dass ein Staat ohne eine funktionierende Verwaltung so gut wie verloren ist. Spüren die Beschäftigten im öffentlichen Dienst diese Verantwortung für das Gemeinwohl überhaupt oder geht das im Alltag unter?

Das ist ein spannender Punkt. Die Idee, für das Gemeinwohl zu arbeiten, ist für viele ein wichtiger Antrieb – das zeigt neben dem Nachwuchsbarometer auch das Bleibebarometer sehr deutlich. Gleichzeitig geht diese Perspektive im Arbeitsalltag manchmal in Routinen und Prozessen unter. Unser Eindruck ist, dass dort, wo Organisationen es schaffen, den Beitrag der eigenen Arbeit sichtbar zu machen, auch die Identifikation der Beschäftigten steigt. Das hat viel mit Führung, aber auch mit Kommunikation zu tun. Es geht also nicht darum, Verantwortung „zu erzeugen“, sondern sie im Alltag wieder stärker erkennbar zu machen.

Der Öffentliche Dienst ist sehr vielfältig, das Ausbildungsangebot ist kaum zu überschauen. Was raten Sie jungen Menschen ganz konkret, wenn Sie sich über Einstiegsmöglichkeiten informieren möchten? Wie geht man das Thema an?

Ein guter Einstieg ist, sich zunächst einen Überblick über die Bandbreite der Möglichkeiten zu verschaffen – und die ist tatsächlich größer, als viele denken. Der öffentliche Dienst umfasst sehr unterschiedliche Aufgabenfelder, von klassischen Verwaltungsberufen bis hin zu IT, Kommunikation oder Projektarbeit. Wir empfehlen, sich nicht nur an Berufsbezeichnungen zu orientieren, sondern stärker auf Tätigkeiten und Themen zu schauen: Woran möchte ich arbeiten? Welche gesellschaftlichen Bereiche interessieren mich? Hilfreich sind außerdem Gespräche mit Menschen, die bereits in der Verwaltung arbeiten, sowie Einblicke über Praktika oder duale Studiengänge. Viele Verwaltungen bieten diese Optionen mittlerweile an.

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