Sinkende Studienanfängerzahlen im Ingenieurwesen
„Wir brauchen mehr frühe, reale Begegnung mit Technik“

Obwohl die Hochschulen einiges machen, um mehr Schüler*innen für ein Ingenieursstudium zu interessieren, sind die Zahlen gerade in den klassischen Fächern Verfahrens-, Elektro- und Informationstechnik sowie Maschinenbau rückläufig. In Bayern riefen daher im vergangenen Jahr einige Hochschulen die Wissenschaft zur Hilfe, um dem Problem auf den Grund zu gehen. Wir sprachen mit Susanne Falk vom Bayerischen Staatsinstitut für Hochschulforschung und Hochschulplanung (IHF).
Frau Dr. Falk, insgesamt gesehen gehen die Studierendenzahlen in den technischen Studiengängen bundesweit nach oben, mehr Frauen melden sich an, aber auch mehr Studienanfänger aus dem Ausland sorgen für steigende Zahlen. Außerdem sind die Zahlen in der Informatik sehr ermutigend. Warum machen sich die Hochschulen dennoch Sorgen? Oder ist es eher die Wirtschaft, die langfristig ein Problem sieht, das aufgrund der demografischen Entwicklung aber ohnehin kaum zu lösen ist?
Die steigenden Zahlen erzählen nur die halbe Wahrheit. Denn das Wachstum kommt vor allem aus der Informatik, während klassische Ingenieurfächer an Hochschulen für angewandte Wissenschaften teilweise sinkende Studienanfängerzahlen aufweisen. Für die Hochschulen ist deshalb nicht die Gesamtzahl entscheidend, sondern die Frage, wer was studiert und wer am Ende auch erfolgreich abschließt. Hinzu kommt: Mehr Frauen und mehr internationale Studierende sind eine gute Entwicklung, sie kompensieren den Rückgang in anderen Gruppen aber nicht automatisch. Die eigentliche Sorge ist also weniger eine statistische als eine strukturelle: In einigen ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen fehlen Studienanfängerinnen und -anfänger und später die Absolventinnen und Absolventen. Ich würde deshalb sagen: Die Hochschulen sorgen sich um die Auslastung ihrer Studiengänge, die Wirtschaft eher langfristig um die Fachkräftesicherung. Und ja, die demografische Entwicklung verschärft das Problem zusätzlich. Sie zwingt uns dazu, neue Zielgruppen zu gewinnen und Studierende durch passgenaue Unterstützungsangebote noch besser durchs Studium zu begleiten.
Sie schreiben in einer neuen Studie, dass die Neugierde auf ein technisches Studium an der Schule geweckt werden muss, dass die Eltern eine große Rolle spielen und auch die Lehrerinnen und Lehrer einen großen Einfluss haben. Das ist ja nicht neu, wie lauten Ihre Vorschläge, mehr Einfluss an den Schulen zu nehmen?
Wir brauchen mehr frühe, reale Begegnung mit Technik. Also: sehen, anfassen, ausprobieren, technische Berufsfelder und Unternehmen kennenlernen. Technik soll stärker als etwas Erfahrbares, Sinnvolles und gesellschaftlich Relevantes vermittelt werden, nicht als abstraktes Spezialwissen für wenige. Die Begeisterung für technische Themen sollte daher nicht erst in der Oberstufe, sondern möglichst bereits in Kita, Grundschule und Sekundarstufe gefördert werden, z.B. durch Experimente, Projektwochen, Laborbesuche, Wettbewerbe und Begegnungen mit Personen aus Hochschulen und Unternehmen. Lehrkräften an Gymnasien haben oft selbst wenig Berührung mit dem Hochschultyp HAW/TH und können deshalb technische bzw. praxisnahe Studiengänge nicht immer aktiv empfehlen. Vorgeschlagen werden deshalb Fortbildungen für Lehrkräfte, direkte Kooperationen zwischen Schulen und HAW/TH. Für Mädchen und junge Frauen sind Role Models wichtig. Ein Good Practice ist hier sicherlich das Programm CyberMentor, bei dem Schülerinnen von Mentorinnen begleitet werden, die in technischen Berufen arbeiten.
Aber ist es auch realistisch, dass die Schulen alle Vorschläge auch aufgreifen? Zumal es ja auch in anderen Ausbildungs- und Studiengängen rückläufige Zahlen gibt.
Schulen und Hochschulen stoßen häufig an Grenzen bei Zeit, Personal und Ressourcen. Gute Kooperationen entstehen nicht nebenbei; sie brauchen Verlässlichkeit, Ansprechpartner und politische Rückendeckung. Gerade deshalb ist der entscheidende Punkt nicht, überall sofort das große Reformpaket auszurollen, sondern mit tragfähigen Strukturen zu beginnen. Wenn Schulen, Hochschulen und regionale Partner verbindlich zusammenarbeiten, sind viele Vorschläge durchaus umsetzbar. Eine Vorreiterrolle haben hier sicherlich die MINT-Regionen, von denen es mehr als 130 in Deutschland gibt. Hier arbeiten Akteure aus der gesamten Bildungskette von Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Unternehmen, Stiftungen zusammen.
Nun sind seit Jahren die Abbrecherquoten in den technischen Studiengängen hoch, daher hat die Studie auch hier Punkte identifiziert, an denen man ansetzen könnte. Welche sind das?
Die Studie setzt vor allem dort an, wo viele Probleme früh beginnen: beim Übergang von der Schule in die Hochschule. Falsche Erwartungen, fachliche Lücken, vor allem in mathematischen Grundlagen, sind zentrale Risikofaktoren. Deshalb empfiehlt sie Self-Assessments, Brückenkurse und eine strukturierte Studieneingangsphase, die in fachlicher und sozialer Hinsicht stabilisiert. Der zweite große Hebel ist die Lehre selbst. Weniger Frontalunterricht, mehr aktivierende Formate, engere Betreuung, kontinuierliches Feedback und stärker kompetenzorientierte Prüfungen. All das kann helfen, Studierende nicht schon in den ersten Semestern zu verlieren. Die Grundaussage der Studie ist klar: Abbrüche sind nicht nur ein individuelles Problem, sondern oft auch ein Hinweis darauf, dass Studienstrukturen und Unterstützungsangebote besser werden müssen. Drittens nennt die Studie Monitoring als Schlüssel zur Senkung des Studienabbruchs. Mit Studienverlaufsmonitoring, Learning Analytics und proaktiver Studienberatung sollen gefährdete Studierende früh erkannt und gezielt unterstützt werden.
Ein besonderes Augenmerk legt die Studie auf die Frage, wie leistungsschwächere Studierende unterstützt werden können. Was kann hier getan werden?
Die Studie plädiert dafür, leistungsschwächere Studierende nicht erst dann in den Blick zu nehmen, wenn sie an den Leistungsanforderungen scheitern. Wichtig sind hier flexiblere Lernwege und individualisierte Lernangebote, die am jeweiligen Kenntnisstand der Studierenden ansetzen. Mittels KI haben wir viele Möglichkeiten, das Lernen an den jeweiligen Lerntyp und das jeweilige Ausgangsniveau anzupassen. Mit sogenannten KI-Lernplattformen, wie der an der Technischen Universität München entwickelte „One Tutor“, können Studierende mit dem Vorlesungsstoff chatten und auch ein Quiz erstellen, um ihren Wissensstand zu prüfen. Das kann eine sinnvolle Ergänzung zur Vorbereitung auf Prüfungen sein.
© Foto: Photogenika
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