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Arbeitsmarktprognose 2029
“ Wir brauchen Leute, die an Mensch und Maschine arbeiten“

Das Institut der deutschen Wirtschaft nutzt Daten von Arbeitsagentur und Statistischem Bundesamt für Studien, um ein besseres Bild über den Fachkräftemangel in einzelnen Branchen zu bekommen. Nun ist eine neue Studie erschienen, die die Zahlen von 2024 bis 2029 fortschreibt. Wir hakten nach bei Studienautor Alexander Burstedde.

Herr Burstedde, wir trafen uns zuletzt 2023 für ein Interview in der BO[plus], was hat sich seitdem gravierend verändert, was ihre Studienergebnisse betrifft?

2023 konnte man schon ahnen, dass sich die Wirtschaftslage verschlechtern würde und wir sind jetzt in der längsten Stagnationsphase der deutschen Nachkriegsgeschichte. Es sieht aber gerade so aus, als würde endlich der langersehnte Aufschwung kommen. Das wird bei der Jobsuche vor allem Berufseinsteiger:innen helfen. Die Konjunkturlage ändert unterdessen nichts daran, dass der demografische Wandel dem Arbeitsmarkt immer mehr Arbeitskräfte entzieht. Der Fachkräftemangel dürfte sich deswegen deutlich verschärfen. Ich denke sogar, in bisher unbekannte Höhen – trotz KI.

Können Sie kurz zusammenfassen, wo der Mangel in den kommenden Jahren besonders krass ausfallen wird?

Softwareentwicklung wird es wohl nicht sein. KI kann inzwischen besser coden als die meisten Menschen. Von KI betroffen sind vor allem Berufe, in denen das meiste Wissen der Menschheit öffentlich ist und die KI beliebig viele Fehlversuche machen kann, bis sie die richtige Lösung gefunden hat. Auf viele Berufe trifft das nicht zu. Vor allem in der physischen Welt werden Menschen erstmal unersetzlich bleiben. Hinzu kommt, dass jetzt vor allem viele Menschen mit Ausbildung in Rente gehen, ohne dass jemand nachrückt. Deshalb ist es für mich ausgemachte Sache, dass wir künftig einen noch größeren Fachkräftemangel in Ausbildungsberufen haben werden als ohnehin schon. Sei es in Pflege, Handwerk oder Industrie – wir brauchen mehr Leute, die nicht im Büro sitzen, sondern an Mensch und Maschine arbeiten. Mit unserer alternden Bevölkerung und den vielen Milliarden für Rüstung und Infrastruktur halte ich das für sichere Jobs. Über die Industrie liest man viele Negativschlagzeilen, aber es gibt auch viele erfolgreiche Unternehmen – beim Export hatten wir gerade erst einen neuen Rekord. Die Branchen, die heute ausbilden, wollen die Fachkräfte auch morgen noch haben.

Sie schreiben, dass wir Bürger den Fachkräftemangel heftig zu spüren bekommen, wenn wir nicht für mehr Zuwanderung sorgen. Die Regierung ist doch aktuell aber ganz stolz darauf, dass es eben durch mehr Kontrollen weniger Zuwanderung gibt. Sehen Sie als Ökonom diese Entwicklung kritisch?

Wir brauchen vor allem mehr qualifizierte Zuwanderung. Wir haben inzwischen ein modernes Einwanderungsrecht, aber wir sind noch nicht gut in der Umsetzung. Zu wenig Akquise, zu komplizierte Verfahren. Wie viele Geflüchtete man aufnimmt, ist eine überwiegend humanitäre Entscheidung. Die Chancen sollte man aber in jedem Fall nutzen: Die Geflüchteten von 2015 arbeiten heute fast so oft wie der Rest der Bevölkerung. Ich denke, der Staat sollte nicht bei Integration und Kitas kürzen, ganz im Gegenteil.

Wie vor drei Jahren fragen wir Sie auch dieses Mal, was die Zahlen für den Ausbildungsmarkt bedeuten. Sollten die Schulen Ihre Studie ganz genau anschauen und ihren Schulabgänger*innen raten, in Branchen mit heftigen Fachkräftemangel zu gehen?

Jede:r sollte einen Job finden, der Spaß macht und zu den eigenen Fähigkeiten passt. Auf der Suche danach sollte man sich auch Berufe anschauen, die man noch nicht kennt, wie beispielsweise Zerspanungsmechaniker:in. Ein Blick auf aktuelle Rankings der Berufe mit dem größten Fachkräftemangel, wie vom IW oder KOFA, ist ein guter Anfang. Was heute knapp ist, ist das morgen meist auch noch. Weil am Ende niemand genau weiß, was die Zukunft bringt, bleibt das Wichtigste: Lernen lernen und immer schön am Ball bleiben.

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