Mein Weg: Andreas Schell, Ingenieur und Manager
„Welche Fähigkeit bringt mich in jeder Situation weiter?“

Junge Menschen orientieren sich bei ihrer Berufsfindung oft auch an Vorbildern, die nicht nur über ihren beruflichen Werdegang berichten, sondern auch über Branchen gut Bescheid wissen. Für diese Ausgabe sprachen wir mit Andreas Schell. Der Ingenieur und Manager [LS1.1][TS1.2]ist CEO beim Solarparkentwickler ib vogt.
Herr Schell, Sie haben als studierter Ingenieur lange in der Auto- und Luftverkehrsbranche gearbeitet, später waren Sie auch Chef beim Energieunternehmen EnBW. Heute leiten Sie ein Unternehmen, welches im großen Stil auf die Solarenergie setzt. In einem Podcast bei n-tv sagten Sie neulich, dass Ihr Sohn maßgeblichen Einfluss auf ihre Entscheidung genommen habe, sich beruflich mehr mit erneuerbaren Energien zu beschäftigen. Berufsorientierung fand bei Ihnen also in umgekehrter Richtung statt?
Als mich mein Sohn zum Start bei Rolls-Royce fragte – mitten in die Zeit der „Fridays for Future“-Demonstrationen – wann wir wieder umziehen, war seine eigentliche Frage eine andere: Glaubst du noch an diese Industrie? Schon damals haben mich Innovation und Elektrifizierung mehr interessiert, als nur den Status quo zu bewahren. Irgendwann stellt man sich als Ingenieur wie als Vater dieselbe Frage: Wie sieht unsere Welt in zwanzig, dreißig Jahren aus? Welche Technologien bestimmen dann unser Leben? Das werden ganz sicher weniger Verbrennungsmotoren sein als heute, da wir bereits jetzt Alternativen haben. Das betrifft nicht nur die eigene Karriere, sondern auch, wie ein Land seine Zukunft gestaltet. Wenn man sich die Solarbranche anschaut: Da war Deutschland einmal führend, heute liegt ein großer Teil der Wertschöpfung in Fernost. Und als Ingenieur weiß man: Physikalische Gesetze lassen sich auch mit der besten Geschichte nicht wegargumentieren. Wer die Technologie nicht mitgestaltet, überlässt anderen die Zukunft. Von daher bin ich froh, meine Erfahrung aus anderen Branchen jetzt in der Solarindustrie einzusetzen, und zwar mit der Gewissheit, dass das, was wir vorantreiben, grüne Energie für die Menschheit erzeugt.
Sie haben in den Jahren einige technologische Umbrüche miterlebt, die massive Digitalisierung durch die Verbreitung des Internets ab der Jahrtausendwende, neue Antriebssysteme in der Automobilwirtschaft, jetzt kommt die KI in den Unternehmen an. Sind solche Veränderungen für junge Menschen mehr Chance oder mehr Risiko, was die Berufsplanung betrifft?
Mehr Chance als Risiko – aber nur, wenn man sich darauf einlässt. Ich habe selbst mehrere Umbrüche erlebt: Digitalisierung, neue Antriebe in der Autoindustrie, jetzt KI. Jedes Mal hieß es, ganze Berufe würden verschwinden. Meistens haben sie sich vor allem verändert. Laut Weltwirtschaftsforum muss bis 2030 mehr als die Hälfte aller Beschäftigten neue Fähigkeiten dazulernen. Deshalb sollte man nicht auf einen engen Beruf setzen, sondern auf Fähigkeiten, die Technologiewechsel überdauern: Neugier, Kreativität, Problemlösung, die Bereitschaft, weiterzulernen. Das kann KI am schlechtesten. Wer vor der Berufswahl steht, sollte sich weniger fragen „Welcher Job ist sicher?“ als „Welche Fähigkeit bringt mich in jeder Situation weiter?“
Sie studierten Technik, machten dann noch einen Master in Business Administration. Was hat Ihnen in Ihrer 35-jährigen Karriere mehr Spaß gemacht – an technischen Details zu feilen oder in Meetings Strategien zu entwerfen?
Im Herzen bin ich Ingenieur, in der Praxis Geschäftsmann. Ohne mein Ingenieursstudium hätte ich in manchen Unternehmen gar nicht arbeiten können, dort ist Fachexpertise Voraussetzung. Dieses technische Denken begleitet mich bis heute: alles genau zu hinterfragen, nichts als gegeben hinzunehmen und selbst Hand anzulegen. Ingenieure sind detailverliebt, denn wenn man bei der Entwicklung schludert, kann das dramatische Folgen haben. Gleichzeitig gebe ich mich mit dem Status quo nie zufrieden, ich will Dinge verändern, verbessern, prägen. Das hat mich zum Geschäftsmann gemacht, der ich heute bin. Ideen habe ich schnell im Kopf, aber um sie realistisch einzuschätzen und daraus echten Mehrwert zu machen, wollte ich mich mit einem Wirtschaftsabschluss gezielt auf die Zeit vorbereiten, in der ich selbst Unternehmen führe. Das war immer mein Ziel, und es macht mir bis heute großen Spaß.
Welchen Rat würde der heutige Andreas Schell seinem 17-jährigen Ich mit auf den beruflichen Weg geben, wenn das ginge?
Geh dahin, wo du wirklich lernst, auch wenn es unbequem ist. Verlass dich stärker auf Zahlen und Fakten als auf Meinungen, auch auf deine eigenen. Achte gut darauf, mit welchen fünf Menschen du dich am meisten umgibst, denn sie prägen deinen Weg mehr, als du denkst. Und vergiss bei aller Arbeit nicht die Freude am Leben – manche Momente kommen nur einmal.
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