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Berufsorientierung als Entwicklungsprozess
„Aus vielen Erfahrungen entsteht ein nachvollziehbarer Lernweg“

Berufsorientierung gelingt dann, wenn einzelne Maßnahmen zu einem nachvollziehbaren Entwicklungsprozess verbunden werden. Der Beitrag stellt das FOKUS-Modell des Störck-Gymnasiums Bad Saulgau vor, das Berufsorientierung spiralcurricular von Klasse 5 bis zur Oberstufe strukturiert. Am Beispiel von Podcasts nach dem BOGY-Praktikum wird gezeigt, wie Reflexion vertieft, Erfahrungen sichtbar gemacht und bestehende Angebote zu einem schlüssigen Gesamtkonzept der Schulentwicklung verknüpft werden. Ein Beitrag von Oberstudienrat Ferdinand Schönherr.

Berufsorientierung beginnt nicht mit der Frage: „Welcher Beruf passt zu mir?“ Sie beginnt dort, wo junge Menschen Erfahrungen machen und lernen, diese einzuordnen. Praktika, die Begegnung mit Unternehmen oder ein Studieninformationstag entfalten ihren pädagogischen Wert erst dann, wenn Schülerinnen und Schüler Erlebtes reflektieren, mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten abgleichen und daraus Konsequenzen ziehen. Genau hier liegt der Bildungsauftrag von Schule.

An vielen Schulen mangelt es nicht an Engagement. Es gibt Praktika, Informationsveranstaltungen, Beratungsgespräche und Kooperationen mit außerschulischen Partnern. Was häufig fehlt, ist der Zusammenhang. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, weitere Angebote zu schaffen, sondern vorhandene so aufeinander zu beziehen, dass für die Schülerinnen und Schüler ein erkennbarer Entwicklungsweg entsteht.

Struktur mit fünf Schwerpunkten

Am Störck-Gymnasium Bad Saulgau ist aus diesem Gedanken das FOKUS-Modell entstanden. FOKUS steht für Feststellung der Interessen, Orientierung, Kritische Reflexion, Unterstützung und Selbstbestimmte Berufswahl. Die fünf Schwerpunkte geben der Berufsorientierung von Klasse 5 bis zur Oberstufe eine Struktur, ohne sie in starre Phasen zu zerlegen. Wer sich beruflich orientiert, bewegt sich schließlich selten geradlinig vorwärts. Fragen tauchen wieder auf, Erfahrungen verändern Perspektiven und Entscheidungen werden immer wieder neu überprüft. Berufsorientierung folgt deshalb eher der Logik eines Spiralcurriculums als der eines Ablaufplans. Innerhalb dieses Rahmens erhalten bestehende Angebote eine neue Funktion. Portfolioarbeit unterstützt die Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen. Berufserkundungen, Check-U sowie Girls‘ und Boys‘ Day erweitern den Blick auf mögliche Wege. Ausbildungsrallye und BOGY-Workshop fordern dazu heraus, erste Vorstellungen kritisch zu hinterfragen. Praktika, Beratungsgespräche und Studienorientierung helfen dabei, Entscheidungen zu konkretisieren.

Irritationen machen den Lerngewinn aus

Wie das Konzept in der Praxis wirkt, zeigt sich besonders nach dem BOGY-Praktikum. Die Schülerinnen und Schüler gestalten ein Informationsplakat und produzieren einen Podcast, in dem sie ihre Erfahrungen einordnen und persönliche Erkenntnisse festhalten. Ein QR-Code verbindet beide Formate. Das Plakat weckt Interesse, der Podcast macht Erfahrungen hörbar. Entscheidend ist allerdings nicht das Medium. Entscheidend ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung. Wer anderen verständlich erklären will, was ein Praktikum ausgelöst hat, muss auswählen, ordnen und begründen. Erwartungen treffen auf Realität. Manches bestätigt sich, anderes überrascht. Gerade diese Irritationen machen den eigentlichen Lerngewinn aus. Reflexion wird damit nicht zum Pflichtteil am Ende eines Praktikums, sondern zum Bindeglied zwischen Erfahrung und Entscheidung. Gleichzeitig entstehen authentische Einblicke für nachfolgende Jahrgänge und wertvolle Anknüpfungspunkte für Beratungsgespräche.

FOKUS versteht sich deshalb nicht als weiteres Berufsorientierungsprojekt. Es ist ein Instrument der Schulentwicklung. Ein Konzept dieser Art trägt allerdings nur, wenn Verantwortlichkeiten geklärt sind, ein engagiertes BO-Team die Entwicklung steuert, Eltern und externe Partner eingebunden werden und die Umsetzung regelmäßig überprüft wird. Deshalb wird FOKUS schrittweise eingeführt und im Sinne des PDCA-Zyklus kontinuierlich weiterentwickelt. Gerade darin liegt sein Wert für andere Schulen. FOKUS ist kein Modell, das eins zu eins übernommen werden muss. Es bietet einen Orientierungsrahmen, mit dem Schulen ihre vorhandene Berufsorientierung neu betrachten und systematisch weiterentwickeln können. Welche Angebote gibt es bereits? Welchen Beitrag leisten sie im Entwicklungsprozess der Schülerinnen und Schüler? Und an welcher Stelle fehlt der Anschluss? Gute Berufsorientierung entsteht nicht durch immer neue Maßnahmen. Sie entsteht dort, wo aus vielen einzelnen Erfahrungen ein nachvollziehbarer Lernweg wird.

Zur Person:

Ferdinand Schönherr ist Oberstudienrat am Störck-Gymnasium Bad Saulgau und koordiniert dort die Berufsorientierung. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Schulentwicklung sowie in der Konzeption prozessorientierter Modelle der Beruflichen Orientierung an der Schnittstelle von Pädagogik, Digitalisierung und Organisationsentwicklung. Ergänzend absolvierte er einen Masterstudiengang in Schulmanagement und Leadership. Darüber hinaus ist er zertifizierter Scrum Master und Product Owner.

Möchten auch Sie über ein BO-Projekt an Ihrer Schule berichten? Dann nichts wie ran an den PC, wir freuen uns über jeden Beitrag! Bitte schicken Sie ihn an: boplus@berufsorientierung-plus.de

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