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Eltern in der Berufsorientierung
„Wir müssen nicht alles erklären und erläutern“

Michael Guder ist Vorsitzender des Landeselternrates Niedersachsen. In dieser Funktion beschäftigt er sich immer wieder mit dem Thema Berufsorientierung an Schulen. Im Interview sprachen wir über die Rolle der Eltern im BO-Prozess.

Herr Guder, wir möchten mit Ihnen heute nicht über die Berufsorientierung an Schulen sprechen, sondern über die Rolle, die Eltern im BO-Prozess einnehmen können. Eltern können sicher keine Berufsberatung übernehmen, aber sie sind Expert:innen in ihrem Beruf. Wie lässt sich der Erfahrungsschatz von Eltern so anzapfen, dass es Schüler: innen bei der Berufsorientierung hilft? Hätten Sie eine Idee?

Vorab: Das Wichtigste im BO-Prozess ist sicher, zunächst die Bedürfnisse der SuS zu erkennen und dann auch zuzulassen. Danach sollten sie die Welt durch eigenes Erleben erkunden können. Ein wichtiger Punkt ist daher auch, dass Eltern ihre Erfahrungen nicht zu ausführlich darstellen sollten. Social Media gibt uns da doch einen klaren Rahmen vor. Wir müssen nicht alles erklären und erläutern. Die Grundlage einer Entscheidung sollte ohnehin nicht nur der Erfahrungsschatz der Eltern bilden. Sonst entsteht schnell eine Art Zwang, der im Ergebnis oftmals zum Abbruch führt, das zeigen die Befragungen.

Würden Sie sagen, dass Eltern mehr Überblick über Chancen und Optionen in der Berufswelt haben als die Kinder selbst?

Eltern sind zwar nach wie vor der wichtigste Baustein für die Berufsorientierung und das wird sicher auch so bleiben. Doch das Problem ist natürlich, dass Eltern eigentlich selbst erst alle Möglichkeiten kennenlernen müssten, sonst findet eine Orientierung ja auch wieder nur einseitig statt. Hinzu kommt der Aspekt der Bildungsgerechtigkeit. Alle SuS sollten Abitur machen und studieren können. Wenn die Eltern aber selbst nicht diesen Hintergrund haben, wie sollen sie dann Erfahrungen weitergeben? Dennoch gilt: Eltern können wichtige Impulse geben.

Es gibt immer öfter Veranstaltungen und Initiativen, bei denen Eltern die BO unterstützen. Welche kennen Sie?

Bei uns in Niedersachsen gibt es den „Parents‘ Day“. Die Eltern werden im Grunde der Berufswahl-Coach für die eigenen Kinder. Dabei stehen Impulse um die berufliche Orientierung sowie den Berufseinstieg im Vordergrund. Die dualen Ausbildungsformen sollen dabei in Kooperation mit der IHK gestärkt werden. Ich denke, dass jede Form von Initiative, bei der Eltern integriert sind, gefördert werden sollte. Aber die SuS sollten dann eigenständig ihre Entscheidung treffen können. Lassen wir doch die Berufsorientierung einmal von SuS für SuS machen, auch hier gibt es tolle Projekte, z.B. „What`s next…?“. Wir als Landeselternrat Niedersachsen haben uns viele Ansätze angeschaut und geprüft. Die Tools, die aus Sicht der SuS gestaltet sind, finden am meisten Resonanz. Der Prozess muss aus Sicht der Jugendlichen aufgebaut sein! Es ist ein zentrales Anliegen der Eltern, den Übergang zu gestalten.

Viele Kinder entscheiden sich gegen den Beruf der Eltern, vielleicht weil sie im Alltag auch mit deren negativen Erfahrungen konfrontiert wurden. Bei anderen ist es das genaue Gegenteil, sie treten in die Fußstapfen der Eltern. Sollten Eltern ihrer Meinung nach aktiv versuchen, dieses Schema zu durchbrechen?

Natürlich wird es immer die Frage in der Familie geben, warum das Kind nicht das gleiche wie die Eltern macht, gerade bei Familienbetrieben gibt es das ja immer wieder. Doch die Entwicklungen in der Berufswelt sind derartig rasant, dass niemand verlässlich Prognosen darüber wagen kann, welche Berufe bald wichtig werden. Viele Berufe, die unsere Kinder in Zukunft ausüben werden, existieren heute noch gar nicht – wie also sollen sie von Eltern dargestellt werden? Die Möglichkeiten aufzeigen, das ist für mich der richtige Weg. Die SuS müssen ihre Erfahrungen machen und dann frei entscheiden.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Guder!

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