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Schülerbefragung
„Der Ausbildungsmarkt erlaubt es Bewerber:innen, sich den Arbeitgeber auszusuchen“

Im Jahr 2001 gab es an deutschen Hochschulen 1,9 Mio. Studierende, im WS 22/23 lag die Zahl schon bei 2,9 Mio., das entsprach einer Steigerung von 52 Prozent. Die Zahl der Auszubildenden fiel im selben Zeitraum hingegen um rund ein Viertel auf 1,26 Millionen. Woran liegt es, dass die berühmte deutsche Ausbildung in Deutschland selbst immer unbeliebter wird? Etwas Licht ins Dunkle bringen Befragungen von Schüler:innen, wie sie jetzt Ausbildung.de in Zusammenarbeit mit Potentialpark durchgeführt hat. Wir sprachen mit Studienleiter Tobias Klem.

Herr Klem, Sie haben im Zeitraum vom 01.09. bis 01.11.2022 insgesamt 1.823 Schülerinnen und Schüler nach ihren Wünschen, Einstellungen und Meinungen rund um das Thema Berufswahl befragt. Welches Ergebnis hat Sie persönlich nach der Auswertung am meisten überrascht?

Zum einen, wie gut Schüler:innen ihre Chancen hinsichtlich benötigter Bewerbungen einschätzen können. 56 Prozent sind überzeugt, zwischen einer und zehn Bewerbungen zu benötigen, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Tatsächlich haben es 71 Prozent der Auszubildenden mit einer bis neun Bewerbungen in die Ausbildung geschafft, wie unser azubi.report 2022 zeigt. Zum anderen hat mich überrascht, dass gerade einmal zwei Prozent der Schüler:innen angaben, durch einen Besuch auf einer Ausbildungsmesse auf ihren Wunschberuf aufmerksam geworden zu sein. Und das, obwohl Messen vor Ort im letzten Jahr wieder möglich waren.

Einige Ergebnisse zeigen, woran es in der Phase der Berufswahl haken könnte. So gab knapp die Hälfte der Befragten an, im Zuge der Ausbildungsplatzsuche noch nie Kontakt zu einem Unternehmen aufgenommen zu haben. Was leiten Sie aus dem Ergebnis ab?

Wichtig ist, hier sehr differenziert draufzuschauen. Denn nicht alle, die an der Umfrage teilgenommen haben, sind bereits in der Phase der Kontaktaufnahme, sondern noch mitten in der Orientierungsphase. Allerdings lässt sich das nicht ausschließlich dadurch erklären. Vor allem die persönliche Kontaktaufnahme stellt eine Herausforderung für Schüler:innen dar – auch auf Karrieremessen: Nur 22 Prozent fühlen sich gut darauf vorbereitet, sich über einen direkten Kontakt auf einer Veranstaltung zu bewerben.

Die Hälfte der Befragten gab an, Angst davor zu haben, sich für den „falschen Beruf zu entscheiden“. Nun gibt es ja Berufswahltests, Videoportale, viele gute Karriereseiten und viele Möglichkeiten mehr, sich ausführlich über einen Beruf zu informieren. Wie lautet Ihr persönlicher Tipp Nr. 1, wie eine „falsche“ Entscheidung vermieden werden kann?

Früh genug mit der Berufsorientierung starten und diesem Thema auch innerhalb der Schule genug Raum zu geben, ist ein erster und wichtiger Schritt, um als Schüler:in mehr Sicherheit zu bekommen. Auch dem „Ausprobieren“ in Form von Praktika, Schnuppertagen und ähnlichen Formaten sollte genug Raum gegeben werden. Gerade der Praxisbezug ist die Komponente, die oftmals zu kurz kommt. Dabei ist sie nach der Orientierung über Berufswahltests, Videos und Karriereseiten besonders wichtig, um zu prüfen, ob die getroffene Auswahl tatsächlich passt.

In Frage 40 der Startklar Schülerstudie sollten die SuS angeben, „welche der folgenden Dinge bei einem Arbeitgeber besonders wichtig sind“. Am wichtigsten bei dreiviertel der Befragten: „Dass die Kollegen nett sind und die Stimmung gut ist.“ Knapp ein Drittel meinte, „dass ich besonders gut bezahlt werde“. Kann es sein, dass gerade bei diesen zwei Punkten Anspruch und Wirklichkeit noch so weit auseinanderliegen, dass die mangelnde Bereitschaft zur Ausbildung eigentlich nicht verwundert? Im Schnitt verdienten Azubis in Deutschland 2022 knapp über 1.000 Euro, das reicht zum Leben meist nicht.

Letztendlich geht es hierbei um die Frage der Passung. Der Ausbildungsmarkt erlaubt es Bewerber:innen zunehmend, sich den Arbeitgeber auszusuchen. Der Wohlfühlfaktor spielt dabei natürlich eine entscheidende Rolle. Wer arbeitet gern dort, wo die Stimmung schlecht ist? Es sind die Unternehmen, die sich bei den Schüler:innen bewerben und dafür ihre Unternehmenswerte transparent machen müssen. Denn Gleichberechtigung, Förderung und Aufstiegsmöglichkeiten sind Schüler:innen ebenso wichtig wie die Vergütung. Sie kann jedoch am Ende den Unterschied machen. Vergessen sollte man aber nicht, dass Auszubildende ein Anrecht auf BAföG haben. Umso wichtiger also, in der Berufsvorbereitung darüber umfassend zu informieren, damit die Entscheidung für eine echte Perspektive nicht von der Entscheidung nach der besten Bezahlung überlagert wird.

https://recruiting.ausbildung.de/schuelerstudie

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