Skip links

Hochschulzugang / Numerus Clausus
„Die Chancen aufs Wunschstudium sind gestiegen“

Seit Jahrzehnten wird über gerechte Regelungen zum Zugang ins Studium diskutiert. Studien zeigen zum Beispiel immer wieder, dass der Hochschulzugang in Deutschland maßgeblich mit der sozialen Herkunft der Studierenden zusammenhängt. Welche Hürden gibt es? Welche Rolle spielt der Numerus Clausus? Und kann man auch ohne Abi studieren? Ein Beitrag von Ulrich Müller, vom CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh.

Es ist ein Privileg, studieren zu dürfen, was man möchte. Neulich sprach ich mit einem Freund, der bis kurz vor der Wende in der DDR lebte. Da hatte man nicht die freie Wahl. Studienplätze vergab der kommunistische Staat politisch. Die Zulassung zum Studium hing nicht von den Leistungen des Einzelnen ab, sondern von der Linientreue.

Zum Glück darf man sich mittlerweile in ganz Deutschland frei für ein Studium und für ein bestimmtes Studienfach entscheiden. Doch auch heute lassen sich gewisse Hürden und Beschränkungen beobachten. Studien zeigen immer wieder, dass der Hochschulzugang in Deutschland maßgeblich mit der sozialen Herkunft der Studierenden zusammenhängt. Seit Jahrzehnten wird daher über gerechte Regelungen zum Zugang ins Studium wird diskutiert.

Besonders beliebte und begehrte Studienfächer müssen den Zugang beschränken. Eine gute Abinote ist dann die Eintrittskarte für die sogenannten NC-Fächer. Oder – bei nicht ganz so optimalem Abischnitt – eine schwer überwindbare Hürde.

Dass der Schulabschluss über den Hochschulzugang entscheidet, mag man als problematisch empfinden. Immerhin bietet die Abinote keinen Anhaltspunkt, wie gut man für den angestrebten Job geeignet ist. 15 Punkte in Sport, Religion und Erdkunde sagen nichts darüber aus, ob man mal ein guter Arzt oder Psychotherapeut wird. Und eine schwache Vier in Mathe sagt auch nicht verlässlich voraus, dass man keine gute Juristin werden wird. Und doch entscheidet oft der NC über Lebenschancen.

In anderen Ländern ist man da schon weiter, etwa in Österreich. Da hat grundsätzlich jede*r Studieninteressierte Anspruch auf einen Studienplatz an der Wunschuniversität. Aber Auswahltests bzw. eine Studieneingangs- und Orientierungsphase, die erfolgreich absolviert werden müssen, sorgen für einen Auswahlprozess vor bzw. während des Studiums. Ähnlich ist auch das Modell in den Niederlanden angelegt. Das finde ich sehr überzeugend: Jeder bekommt eine Chance, man muss sie aber auch nutzen.

Aber es tut sich auch in Deutschland etwas, denn die Abiturnote verliert in letzter Zeit für den Start ins Studium an Bedeutung. Im aktuellen Wintersemester haben laut unserer jährlichen CHE-Analyse nur noch knapp 29 Prozent der Bachelor-Studiengänge eine Zugangsbeschränkung. Das bedeutet: in sieben von zehn Studiengängen können sich Studierende in unbegrenzter Zahl und unabhängig von der Abiturnote einfach einschreiben. Vor zehn Jahren war noch jeder zweite Bachelor-Studiengang zugangsbeschränkt.

Die Chance, den individuellen Wunschstudiengang an der jeweiligen Wunschhochschule zu studieren, waren schon lange nicht mehr so gut wie aktuell. Und auch hierzulande setzen Hochschulen auf Auswahlverfahren, die inhaltlich passende Auswahlkriterien in den Blick nehmen: Bei den Auswahlgesprächen zum Medizinstudium an der Uni Greifswald etwa zählt nicht nur der Abischnitt, sondern zusätzliche Auswahlgespräche fließen ebenso mit ein wie eine Hospitanz an der Uniklinik oder andere praktische Erfahrung.

Diesen Ansatz halte ich für überzeugend: Begehrte Studienplätze sollten vor allem an junge Menschen gehen, die genau wissen, was sie wollen und reflektiert haben, welche Anforderungen das Studium und später der angestrebte Beruf mit sich bringen.

Und, was die wenigsten wissen, es gibt auch gewisse Hintertürchen. Selbst ohne Abitur kann man mittlerweile Medizin studieren.

Vorausgesetzt wird in diesem Fall eine Berufsausbildung und mehrjährige Berufserfahrung in einem Gesundheitsberuf – und damit etwas, das ziemlich hilfreich ist als Hintergrundwissen und Vorbereitung auf das Medizinstudium. Die berufliche Ausbildung legt unbestreitbar eine exzellente Grundlage legt für den späteren akademischen Beruf. Und immer mehr Menschen nutzen diese Möglichkeit: Rund 1.100 Studierende der Medizin in Deutschland haben kein Abitur.

Ich wünsche mir mehr Auswahlverfahren in begehrten Studiengängen, wo nach fachbezogenen Standards zählt, was man kann und mitbringt.

Ulrich Müller ist Mitglied der Geschäftsleitung im CHE Centrum für Hochschulentwicklung, Gütersloh. Sein Abischnitt von 2,6 hätte ihm damals kein Jura- oder Medizinstudium ermöglicht. Zum Glück wollte er ohnehin lieber Erziehungswissenschaften studieren.

← Zurück

Leave a comment

19 − 9 =