Jobs und Praktika in der Schulzeit
„Möglicherweise vermitteln Nebenjobs Soft Skills“

Nur ein Fünftel der 14- bis 17-Jährigen arbeitet neben der Schule oder in den Ferien. Das liegt zum einen an den Restriktionen des Gesetzgebers, zum anderen aber auch am vollen Stundenplan. Das Deutsche Jugendinstitut hat erstmals untersucht, inwieweit Arbeitserfahrung während der Schulzeit den späteren Übergang in die Berufswelt erleichtert. Ein Gespräch mit Christine Steiner und Stefan Hofherr, den Autoren der Studie.
Frau Dr. Steiner, Herr Dr. Hofherr, wie kamen Sie auf die Idee, sich bei Ihrer Forschungsarbeit mit Schülerjobs zu beschäftigen?
Christine Steiner: Die Frage, ob Jugendliche neben der Schule einer Beschäftigung nachgehen, gehört durchaus zum Repertoire sozialwissenschaftlicher Forschung über die Lebenswelt junger Menschen im Allgemeinen und den Übergang von der Schule in die Ausbildung und ins Erwerbsleben. Allerdings und interessanterweise werden diese Jobs viel seltener als eigenständiger Einflussfaktor untersucht, als man angesichts ihrer theoretischen Bedeutung erwarten könnte. Nebenjobs können neben ersten Arbeitserfahrungen auch arbeitsbezogene Kompetenzen vermitteln. Das hilft Jugendlichen, ihre Vorstellungen über das Arbeitsleben oder bestimmte Berufe zu konkretisieren. Das kann dann auch bei der Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung helfen.
Solche Erfahrungen werden doch sicher auch von Unternehmen später geschätzt, oder?
Auf jeden Fall. Durch Nebenjobs können auch Kontakte zu Arbeitgebern, Kolleg:innen und anderen Erwerbstätigen entstehen, die später bei der Suche nach Ausbildung oder Beschäftigung hilfreich sind. Nicht zuletzt spielt auch die Tatsache, über ein eigenes Einkommen zu verfügen, eine wichtige, für junge Menschen sogar eine zentrale Rolle. Gerade für junge Menschen, die aus weniger begüterten Familien kommen, kann der Nebenverdienst während der Schule, aber auch später während der Ausbildung oder im Studium der Finanzierung notwendiger Ausgaben dienen. Aus unserer Sicht sollten die verschiedenen, mit dem Nebenjob assoziierten Aspekte stärker in der Übergangsforschung berücksichtigt werden. Sie sind eine wichtige Ergänzung zu den in der Regel untersuchten Funktionen von Schulabschlüssen und Kompetenzen oder institutionellen Übergangsstrukturen. Das gilt auch für die negativen Aspekte des Nebenjobs, die es durchaus gibt. So kann eine umfangreiche Erwerbstätigkeit nebenher viel Zeit und Energie beanspruchen, die dann für Schule, Hausaufgaben oder andere bildungsrelevante Aktivitäten fehlen, was potenziell zu schwächeren Bildungsergebnissen führen kann.
Gab es etwas, was Sie nach Auswertung der Daten überrascht hat?
Stefan Hofherr: Mich haben zwei Ergebnisse besonders überrascht. Zum einen, dass Schülerinnen und Schüler aus Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status der Eltern seltener nebenerwerbstätig sind als Gleichaltrige aus sozioökonomisch besser gestellten Familien. Ich hätte erwartet, dass diese am häufigsten einen Nebenjob haben, weil sie von den Eltern vermutlich weniger finanzielle Unterstützung oder Taschengeld erhalten. Zum anderen hat mich überrascht, dass Jugendliche, die während der Schulzeit einen Nebenjob ausgeübt haben, nach dem Verlassen der Schule schneller eine Berufsausbildung oder ein Studium beginnen als Jugendliche ohne diese frühen Arbeitserfahrungen. Ich dachte, dass Schülerjobs eher weniger zur Berufsorientierung beitragen als beispielsweise Schülerpraktika in Betrieben. Ich habe als Schüler Zeitungen ausgetragen, im Supermarkt Regale eingeräumt und im Getränkemarkt Leergut angenommen. Das waren keine Tätigkeiten, die für mich als Hauptberuf als Erwachsener in Frage kamen. Aber möglicherweise vermitteln diese Nebenjobs bestimmte Soft Skills wie Pünktlichkeit, Organisations- und Teamfähigkeit, welche bei Bewerbungsgesprächen um einen Ausbildungsplatz positiv von den Personalverantwortlichen bewertet werden.
Das Jugendarbeitsschutzgesetz schreibt vor, dass Jugendliche unter 16 bestimmte Grenzen einhalten müssen. Sollte man diese Restriktionen Ihrer Meinung nach lockern?
CS: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, weil immer zwischen der Schutzfunktion auf der einen Seite und der Förderung der Selbstständigkeit Jugendlicher abzuwägen ist. Das Jugendarbeitsschutzgesetz verfolgt ausdrücklich das Ziel, Kinder und Jugendliche vor Überforderung, gesundheitlichen Belastungen und ungeeigneten Arbeitsbedingungen zu schützen. Es unterscheidet dabei nicht zwischen unter 16-Jährigen und älteren Jugendlichen. So sind junge Menschen, etwa Auszubildende, vor besonders frühen, späten oder auch langen täglichen Arbeitszeiten zu schützen, da diese mit gesundheitlichen Risiken einhergehen können. Noch striktere Regeln gelten für vollzeitschulpflichtige Jugendliche unter 15 Jahren und für Kinder. Für 13- bis 14-jährige Schüler:innen beispielsweise sind Jobs vor und während der Schulzeit sowie am Abend und in der Nacht verboten; der Stundenumfang sowie die zulässigen Tätigkeiten sind zudem stark limitiert. Als zulässige Tätigkeiten gelten etwa Botengänge, das Austragen von Zeitungen, Nachhilfeunterricht und auch Hilfen im Haushalt, im Garten und in der Landwirtschaft. Angesichts der umwälzenden Änderungen auf dem Arbeitsmarkt, gerade im IT-Bereich, wäre ein Update der bestehenden Positivliste notwendig und eine begrenzte Flexibilisierung etwa durch größere Spielräume für leichte und zeitlich begrenzte Tätigkeiten denkbar – auch um Jugendlichen Erfahrungen mit Selbstständigkeit, Verantwortung und mit der Arbeitswelt zu ermöglichen. Die Schutzgrenzen bei Arbeitsdauer, Nachtarbeit und gefährlichen und belastenden Tätigkeiten sollten aus unserer Sicht grundsätzlich erhalten bleiben.
Ihre Zahlen ergaben, dass deutlich mehr Mädchen einem Nebenerwerb nachgehen als Jungs. Woran kann das liegen?
CS: Das war durchaus überraschend, weil es nicht in die generellen Muster geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung passt. Laut der aktuellen Mikrozensusdaten liegt die Erwerbstätigenquote der 15- bis 19-Jährigen beispielsweise bei jungen Männern sogar etwas höher als bei jungen Frauen (30,0 gegenüber 26,8 Prozent). Ein Grund für dieses Ergebnis könnten die geschlechtsspezifische Gelegenheitsstrukturen sein. Wie bereits die o.g. Beispiele aus der Positivliste zeigen, sind diese häufig in haushalts- und personenbezogenen Dienstleistungen angesiedelt, zu denen Mädchen leichter Zugang finden bzw. häufiger für solche Tätigkeiten angesprochen werden. Daneben können aber auch Unterschiede in der Verselbstständigung, im Konsumverhalten, in sozialen Netzwerken und in der beruflichen Orientierung eine Rolle spielen. Allerdings habe wir auch geprüft, ob der Geschlechtereffekt auch dann besteht, wenn andere Merkmale mitberücksichtigt werden. So können sich Mädchen und Jungen sich hinsichtlich Alter, besuchter Schulform, sozialer Herkunft oder Wohnort unterscheiden. Ein zunächst beobachteter Geschlechterunterschied muss daher nicht auf das Geschlecht selbst zurückzuführen sein. Und das ist er dann auch nicht. Entscheidend waren vielmehr die soziale Herkunft der Schüler:innen, der Migrationshintergrund und die besuchte Schulform.
Planen Sie, die Nebenerwerbstätigkeiten junger Menschen auch künftig bei Erhebungen abzufragen?
SH: Ja. Die nächste Haupterhebung in unserem Survey „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) wird im Oktober 2026 starten. Darin werden alle Zielpersonen im Alter von 12 bis 32 Jahren gefragt, ob sie für mindestens eine Stunde in den letzten vier Wochen nebenher erwerbstätig waren. Diese Frage wurde zuletzt in AID:A im Erhebungsjahr 2019 gestellt, weil sie aus Zeitgründen nicht im Erhebungsprogramm 2023 enthalten war.
Frau Steiner, Sie sind Sozialwissenschaftlerin, Sie Herr Hofherr haben Soziologie studiert. Wie kamen Sie damals auf die Idee, diese Richtung einzuschlagen?
CS: Das kam eher auf Umwegen. Ich interessiere mich für viele Dinge und Themen. Das war damals so und ist bis heute so geblieben. Die generalistische Ausrichtung in den Sozialwissenschaften passt da einfach gut bzw. besser. Hinzu kamen die vielen Transformationen, Umbrüche und Krisen in den zurückliegenden Jahren, die für Sozialwissenschaftler:innen natürlich ungemein interessantes Arbeits- bzw. Forschungsfeld sind.
SH: Meine Studien- und Berufsorientierung verlief alles andere als geradlinig. Lange Zeit hatte ich keinen Berufswunsch, bevor ich dann im Hotelmanagement arbeiten wollte. Ein enttäuschend verlaufendes Praktikum in einem 4-Sterne-Hotel sowie eine erfolglose Bewerbung um einen Studienplatz im Hospitality Management haben dann dazu geführt, dass ich mich in Richtung Soziologie umorientiert habe. Ausschlaggegend war mein Lehrer im Geschichts-Leistungskurs. Ich fand es müßig, singuläre historische Ereignisse und Daten zu lernen und fragte ihn, ob es nicht möglich sei, allgemeine Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Handelns und sozialer Gemeinschaften zu erkennen. Er antwortete, dass genau diese Gesetzmäßigkeiten ein Gegenstandsbereich der Soziologie sei. Bereits als Schüler habe ich dann Vorlesungen über soziologische Theorien besucht und fand es sehr interessant, aber auch schwierig. So hat sich dann mein Studienwunsch nach und nach gefestigt.
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