Skip links

Kolumne Uta Glaubitz
Berufsfindung und Bauchgefühl

In der Berufsfindung hat sich das sogenannte „Bauchgefühl“ als Argument in der Berufsfindung durchgesetzt. Dabei ist das Wort doppelt gemoppelt, denn „Bauch“ steht ja bereits für „Gefühl“. Und vielleicht haben ja auch manche einen zusätzlichen Sinn: Neben den fünfen von Aristoteles – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten – nun sechstens das Bauchgefühl.

Auf diese magische Kraft könnte ein junger Mensch zurückgreifen, wenn er nicht weiß, was er werden soll. Mit ihr könnte er Zusammenhänge durchschauen, Hinweise entschlüsseln, unsichtbare Probleme und Unstimmigkeiten wahrnehmen und schließlich eine Wahl „nach Bauchgefühl“ treffen. Somit wäre der sechste Sinn eine Art Vorbewusstsein oder mehrdimensionale Wahrnehmungsinstanz.
Gegen so eine Sicht spricht gar nichts. Außer die Natur des Gefühls. Denn Gefühle sind flüchtig, diffus, vielfältig interpretierbar und widersprüchlich. Im schlimmsten Fall sind sie einfach eine Ausrede, die dazu dient, jedes vernünftige Argument abzuwehren. Nach dem Motto „Aber mein Bauchgefühl….“. Denn oft signalisiert gerade das Bauchgefühl: „Verschieb die Entscheidung!“ Man könnte ergänzen „ … auf den Sankt Nimmerleinstag“ oder „ … und zwar erst recht, wenn sie wichtig ist“.

Eine Entscheidung erfordert den Willen, sich überhaupt zu entscheiden

Zum Beispiel die Entscheidung für eine Ausbildung. Sie ist schwierig, muss Widerstände überwinden und hat weitreichende Folgen. Da spricht das Gefühl eher für ein Gap-Year und danach eine Weltreise. Immer mit im Gepäck: Die Idee, irgendwann würde der entscheidende Moment kommen und man wüsste endlich, was man werden will – klar, eindeutig, zuversichtlich und versöhnt. Wenn, …. ja, wenn es soweit ist. Aber natürlich passiert das nicht, denn eine Entscheidung erfordert den Willen, sich überhaupt zu entscheiden – also das Gegenteil von Weltenbummelei und Im-Hostel-Abhängen. Die Gedanken zur Berufsfindung sind auf dem Hinflug exakt dieselben wie auf dem Rückflug, auch wenn das Gehirn zwischenzeitlich in Angkor Wat, den Serengeti und Usbekistan war.

Und auch danach wird es nicht besser: Mit Bauchgefühl sucht man nach einer Ausbildung oder einem Studium, das sich gut anhört, einen irgendwie als netten Menschen dastehen lässt, und nicht übermäßig anspruchsvoll ist. Denn Ansprüche machen Angst und weisen auf Frustoptionen hin. Das löst dann einen Fluchtreflex aus und die Vermeidung beginnt von vorn. Dieser Mechanismus hat den Vornamen Prokrast – und den Nachnamen Bauchgefühl. Wie man da rauskommt? Ich wiederhole die conditio sine qua non: Das Rauskommen setzt voraus, dass man herauskommen will. Und vielen jungen Leuten erscheint das offenbar nicht attraktiv. Als Kronzeuge zitiert man den verstorbenen Apple Superstar Steve Jobs, der an Studenten appellierte: „Have the courage to follow your heart and intuition. They somehow already know what you truly want to become.“

Warte nicht auf eine Erleuchtung

Es ist schwierig, Steve Jobs zu widersprechen. Aber ich bin skeptisch, ob das Zitat so ein guter Tipp zur Berufsfindung ist. Vielleicht hat das ganze mehr mit Selbstinszenierung zu tun, als mit einem Hinweis für Studenten. Zumal Steve Jobs als grausamer Chef galt, ohne jede Geduld, ausfallend und verletzend. Selbst Gemini spricht von Arroganz, Narzissmus, Respektlosigkeit, Esoterik und Essstörung. Das hört sich nicht an nach allzu großem Verständnis für Leute, die nicht wissen, was sie wollen. Und die darauf warten, dass sich das Bauchgefühl meldet. Ich schlage daher folgende Übersetzung für Steve Jobs‘ Zitat vor: “Nimm dein Leben in die Hand und verschwende keine Zeit mit Rumhängen.“ Auch wenn die Entscheidung für einen Beruf verdammt schwerfällt: Sie ist das wichtigste Instrument deiner Lebensgestaltung. Lauf niemandem hinterher und mach nicht, was andere wollen. Warte nicht auf eine Erleuchtung, sondern arbeite an deinem Selbstbewusstsein und an deiner Disziplin.“ Kurz: „Whatever it takes …. Finally make up your mind.“

Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und Autorin des Longsellers „Der Job, der zu mir passt“ (Campus) und des Hörbuchs „Berufsfindung und Philosophie“ (Spotify).

Homepage Uta Glaubitz: www.berufsfindung.de
Podcast: Berufsfindung & Philosophie
Buchtipp: „Der Job, der zu mir passt“

← Zurück

Leave a comment

11 − elf =