Johannes-Diakonie Mosbach
Wo Demokratie und Europa gelebt werden

Ein Berufsbildungswerk in Baden-Württemberg verbindet Ausbildung und individuelle Förderung – es setzt dabei auf Demokratiebildung und europäische Werte. Wie das in der Praxis aussieht, verrät der Bericht von Manfred Kasper.
Wer das zur Johannes-Diakonie Mosbach gehörende Berufsbildungswerk (BBW) Mosbach-Heidelberg besucht, hört an vielen Stellen das Wort „Europa“ – sei es im Unterricht, in den Lehrwerkstätten oder in den Geschichten der Auszubildenden, die während der Zeit am BBW oft zum ersten Mal in ihrem Leben Auslandserfahrung sammeln. Möglich wird dies über Erasmus+, doch die Idee der Schule reicht noch weiter: Sie gilt als gutes Beispiel dafür, wie Demokratiebildung, europäische Werte und inklusive Berufsbildung sinnvoll miteinander verknüpft werden können.
„Unser Ziel ist es, junge Menschen – häufig mit Förderbedarf oder Lernbeeinträchtigungen – zu befähigen, ihre Zukunft selbstbewusst, solidarisch und aktiv mitzugestalten“, sagt Thorsten Ringwald, Leiter der Berufsschule am Berufsbildungswerk. Dies geschieht über einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem die Lernenden nicht nur berufliche Kompetenzen erwerben, sondern auch einüben, demokratisch zu handeln, sich als Teil Europas zu verstehen und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
Ringwald führte 2017 gemeinsam mit Nils Fischer, Technischer Oberlehrer am BBW, das Erasmus+-Programm an der Schule ein. Seither haben die Auszubildenden die Möglichkeit, über berufspraktische Auslandsaufenthalte in Betrieben und vergleichbaren Einrichtungen im europäischen Ausland unterschiedliche Arbeitsfelder kennenzulernen und ihre fachlichen Kompetenzen zu erweitern. Dabei erleben sie neue Arbeitskulturen, andere Länder und den europäischen Austausch ganz unmittelbar – eine Erfahrung, die nachhaltig wirkt.
Was als internationales Bildungsprojekt begann, entwickelte sich Schritt für Schitt zu einem umfassenden Gesamtkonzept weiter. Nachdem er 2023 zum Schulleiter ernannt worden war, führte Ringwald eine Vielzahl praxisnaher Angebote ein, die vor allem auf Beteiligung setzen. So erfahren die Jugendlichen, dass ihre Stimme gehört wird, zum Beispiel bei Juniorwahlen oder Diskussionsrunden zu gesellschaftlichen Themen.
„Die Jugendlichen, die zu uns kommen, sind anfangs noch sehr unselbstständig und haben wenig Lebenserfahrung“, unterstreicht Ringwald. Das und die Beeinflussung durch soziale Medien mache sie anfällig für rechtspopulistische Inhalte. Deutlich wurde dies unter anderem, als vor einigen Jahren Hakenkreuzschmierereien und rechtsradikale Symbole an der Schule auftauchten. Für Ringwald ein Wendepunkt. Ihm ist es wichtig, dass die jungen Erwachsenen am Ende erkennen: „Demokratie hat vielleicht Ecken und Kanten, aber sie ist eindeutig die bessere Staatsform als ein autoritäres Regime.“
Demokratie ist ein europäisches Thema
Nils Fischer, der heute für die Koordination des Erasmus+-Programms am BBW verantwortlich ist, glaubt, dass Demokratiebildung und internationale Zusammenarbeit gut harmonieren, weil beide auf denselben Grundideen beruhen: Teilhabe, Offenheit, Respekt und die Erfahrung, dass Vielfalt eine Stärke ist. Gerade in einer Europaschule wie der BBW werde Demokratie als etwas verstanden, das im europäischen Miteinander gelebt werden kann. Erasmus+ ist für ihn daher nicht nur ein Förderprogramm für Auslandsaufenthalte, sondern zugleich ein Instrument der Persönlichkeitsentwicklung.
Konkret zeige sich das in den Auslandsaufenthalten der Auszubildenden. „Vor Ort erleben die Jugendlichen, dass sie Teil eines größeren europäischen Zusammenhangs sind“, so Fischer. Das stärke das Bewusstsein, dazuzugehören und sich einbringen zu können. „Einige der Auszubildenden waren zuvor noch nie im Ausland“, bekräftigt er. Vor diesem Hintergrund eröffne die Zeit des Auslandsaufenthaltes den Jugendlichen zum Teil völlig neue Welten. Gerade für junge Menschen mit Förderbedarf sei ein solches Angebot wichtig. Die Arbeit vor Ort wirke motivierend und stärke die Jugendlichen für ihren weiteren Weg. Schulleiter Thorsten Ringwald ergänzt: „Demokratiebildung beginnt mit dem Moment, in dem junge Menschen erleben, dass die Welt größer ist als ihr bisheriger Alltag – und dass auch sie selbst darin einen Platz haben.“
(Der Text wurde im Auftrag der Nationalen Agentur Bildung für Europa verfasst)
© Foto: Berufsbildungswerk Mosbach-Heidelberg
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