CHE-Kolumne: Future Skills
„Reine Fachidioten sind kaum noch gefragt“

Seit über 30 Jahren ist das CHE Centrum für Hochschulentwicklung ein „Think Tank“, wenn es um die Hochschullandschaft in Deutschland geht. Die CHE-Mannschaft untersucht, wie das Studienangebot verbessert werden kann und bietet mit dem CHE-Ranking seit 25 Jahren eine feste Orientierungshilfe für Studierende. Ab sofort veröffentlichen wir in jeder Ausgabe der BO[plus] eine CHE-Kolumne zu aktuellen Hochschulthemen. Im ersten Beitrag erläutert Ulrich Müller die Bedeutung sogenannter „Future Skills“.
Mit 16 oder 17 Jahren brauchte ich dringend einen Schülerjob, um mir endlich die ersehnte E-Gitarre leisten zu können. Eine benachbarte Autowerkstatt gab mir eine Chance. Ich sollte am Anfang Kolben mit der Drahtbürste reinigen. Ich habe mich wohl nicht sonderlich geschickt angestellt. Der Meister war einigermaßen entsetzt über meine völlige Unkenntnis bezüglich Verbrennermotoren. Kurzerhand entschied er, meine Zukunft läge sicher nicht in einer Autowerkstatt. Diese Episode war für mich schnell beendet.
Wer früher Kfz-Mechaniker*in wurde, benötigte technisches Verständnis. Im beruflichen Alltag hatte er es mit Schraubenschlüsseln, Ölwannen und dem Schweißgerät zu tun. Das spielt alles heute auch noch eine Rolle, aber vielfach geht es eher um Softwarekenntnisse und digitale Diagnose-Tools – und um die Fähigkeit, mit Kundinnen und Kunden zu kommunizieren, die keine Ahnung haben, warum in ihrem Auto diese komische Anzeige blinkt. Gerade bei E-Autos verschiebt sich radikal, woran und wie ein KFZ-Mechatroniker (so nennt sich das inzwischen) arbeitet.
Kompetenzen verändern sich
Diese Beobachtung lässt sich in vielen Berufen machen: Werkzeuge und Anforderungen verändern sich. Es verändern sich auch die Kompetenzen, die Berufe erfordern. Dabei fällt eine Sache auf: Es geht längst nicht mehr nur um fachliches Wissen, sondern zunehmend auch um Teamfähigkeit, digitale Souveränität und Problemlösekompetenz. Future Skills nennen Fachleute diese übergreifenden Kompetenzen – weil sie entscheidend sind in der Arbeitswelt von morgen.
Reine Fachidioten, die sich nur in einem engen Bereich auskennen, sind kaum noch gefragt. Für Ausbildungs- und Studieninteressierte ist das eine gute Nachricht: Während Schulnoten meist nur gelerntes Wissen abbilden, haben später im Beruf auch überfachliche Kompetenzen und Fähigkeiten Bedeutung. Schulabsolventinnen und -absolventen können so viel mehr, als sich in den Noten abbildet! Digitalkompetenz, Kreativität, kritisches Denken und Kollaboration sind Faktoren, die sich nicht zwingend auf dem Schulzeugnis widerspiegeln.
Befragung unter 9.000 Profs
Hochschulen unterstützen Studierende dabei, Future Skills weiter auszubauen und zu trainieren. Als CHE haben wir fast 9.000 Professorinnen und Professoren gefragt, welche Fähigkeiten man für den Bereich, den sie lehren, braucht. Es zeigt sich, dass grundlegende Future Skills wie „kritisches Denken“ und „Problemlösekompetenz“ in der Hochschullehre bereits in allen untersuchten Fächern eine wichtige Rolle spielen. Auch „Urteilskompetenz“, „Eigeninitiative“, „Selbstorganisations- und Lernkompetenz“ werden häufig in der Lehre adressiert.
Es werden aber auch deutliche Fächerunterschiede deutlich: So wird „Kollaboration“ im Fach Pflegewissenschaft von 89 Prozent der Professor*innen besonders gefördert. In der Rechtswissenschaft sind es dagegen nur 18 Prozent. „Dialog- und Konfliktkompetenz“ hat in der Sozialen Arbeit einen besonders hohen Stellenwert, während in den meisten ingenieurwissenschaftlichen Fächern vergleichsweise häufig Innovationskompetenz gefördert wird. Digitalkompetenzen werden erwartungsgemäß in der Informatik am ehesten aufgegriffen. Aber auch in Wirtschaftsinformatik, Physik, Pflegewissenschaft und Romanistik spielen sie bereits eine größere Rolle.
Die unterschiedlichen Fächerprofile orientieren sich bei der Förderung von Future Skills an den Anforderungen typischer Berufsfelder. Für Studieninteressierte möglicherweise ein hilfreiches Entscheidungskriterium, das Hinweise geben kann, welche Studienfächer zu ihren Stärken und Interessen passen und welche eher nicht. Ich habe übrigens damals Erziehungswissenschaften, Psychologie und Soziologie studiert. Mit Wörtern kann ich besser umgehen als mit Maulschlüsseln.
Ulrich Müller ist Mitglied der Geschäftsleitung im CHE Centrum für Hochschulentwicklung. Im Nachhinein ist er sich sicher, in diversen Studijobs mindestens genau soviel gelernt zu haben wie im Studium.
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