Mein Lebensweg: Moayad Al Nema
„Das ist nichts für dich“

Mit diesem Satz beginnt meine Geschichte. Ich heiße Moayad Al Nema und arbeite als BO-Lehrer an der Neckarrealschule in Stuttgart. Lange war ich überzeugt, niemals Lehrer werden zu wollen. Nach unserer Flucht aus Syrien 2015 änderte sich hier in Deutschland aber so ziemlich alles in meinem Leben. Vom „Nie Lehrer“ zum Lehrer – hier ist mein persönlicher Weg, der geprägt war von Zweifeln, Widerstand und Berufung.
Warum ich kein Lehrer werden wollte? Der Grund lag in meiner Familie: Meine Mutter war Grundschullehrerin. Ich erlebte, wie fordernd dieser Beruf ist, und wieviel Kraft, Geduld und Ausdauer er verlangt. Für mich war klar: Diesen Weg werde ich nicht gehen. Und doch bin ich heute genau das, nämlich Lehrer an einer Realschule in Stuttgart. Aber wie kam es zu so einer Entscheidung? Eine eindeutige Antwort habe ich nicht. Aber ich habe verstanden: Beruf ist mehr als eine Entscheidung. Er ist Teil unserer Biografie, geprägt von Erfahrungen, Erinnerungen und Gefühlen.
Ein Podcast war der Wendepunkt
Mein Weg war wirklich nicht einfach. Ich kam nach Deutschland, lernte Deutsch, besuchte Vorbereitungsklassen und machte mein Fachabituranerkennung. Danach begann ich ein Lehramtsstudium, ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Ich suchte Orientierung, doch viele Rückmeldungen waren negativ. Eine pensionierte Lehrerin sagte mir: „Das ist nichts für dich.“ Auch Freunde zweifelten an mir. Diese Erfahrungen haben mich geprägt, auch wenn ich mich nicht als Opfer sehe. Ein Wendepunkt kam durch einen Podcast: Große Persönlichkeiten wie Sokrates oder Einstein waren Lehrer. Ihr Ziel war es, Menschen zu helfen, die Welt zu verstehen.
Dieser Gedanke hat mich berührt. Zum ersten Mal sah ich den Lehrerberuf als sinnvolle Aufgabe. In diesem Moment habe ich mich bewusst dafür entschieden. Der Weg blieb herausfordernd. Negative Stimmen begleiteten mich weiter, auch im Studium und in Praktika. Doch ich lernte: Nicht jede Kritik hat mit mir zu tun, oft spiegelt sie die Unsicherheiten anderer wider. Trotzdem machte mir das Studium Freude. Das Referendariat war intensiv und prägend, fachlich wie persönlich.
Ich wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist
Besonders wichtig wurde für mich die Berufsorientierung von Schülerinnen und Schülern. Ich wusste aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, ohne Orientierung den richtigen Weg zu finden. Deshalb begleite ich sie heute: bei Bewerbungen, Praktika und Entscheidungen. Mein Ziel ist nicht, für sie zu entscheiden, sondern ihnen zu helfen, ihren eigenen Weg zu erkennen. Auch die Rolle der Eltern ist entscheidend. Viele haben klare Erwartungen, doch diese passen nicht immer zu den Kindern. Deshalb ist es wichtig, den Blick zu verändern und das Individuelle stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Die heutige Generation steht unter großem Druck. Kinder brauchen Zeit, Orientierung und echte Begleitung. Besonders wichtig ist dabei eine andere Form der Rückmeldung: nicht nur bewerten, sondern fördern und entwickeln. Genau das ist mein Ziel als Lehrer: Ich möchte Schülerinnen und Schülern zeigen, dass es nicht nur einen richtigen Weg gibt, sondern viele Möglichkeiten.
Heute arbeite ich an der Neckarrealschule in Stuttgart und bilde mich im Bereich Berufsorientierung weiter. Wenn ich zurückblicke, denke ich oft an den Satz von damals: „Das ist nichts für mich.“ Und ich erkenne: Manchmal führt uns das Leben genau dorthin, wo wir eigentlich nie hinwollten – und genau dort finden wir unseren Platz. Mein Weg war nicht einfach. Aber er hat mir gezeigt: Zweifel sind nicht das Ende, sondern oft der Anfang.
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