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Zum Stellenwert der Berufsorientierung
“Man muss die Persönlichkeit kennen, um tragfähige Berufsempfehlungen geben zu können”

Wenn junge Menschen mit Hilfe von Orientierungsmaßnahmen den für sie passenden beruflichen Weg finden, ist ein großes Ziel schon erreicht. Aber ab wann wird die BO für die Zukunft eines Landes ganz wichtig? Wir hakten nach bei Ludger Wößmann, er leitet beim ifo Institut für Wirtschaftsforschung das Zentrum für Bildungsökonomik.

Herr Prof. Wößmann, Sie forschen seit vielen Jahren zur Bedeutung von Bildung für unseren wirtschaftlichen Wohlstand. Innerhalb des Bereichs Bildung – welchen Stellenwert weisen Sie der beruflichen Orientierung zu mit Blick auf die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft eines Landes?

Zunächst einmal zeigt unsere Forschung sehr deutlich, dass es die Basiskompetenzen der Menschen sind, die wirklich fundamental wichtig sind für unseren wirtschaftlichen Wohlstand. Wie gut die Menschen bei den grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften abschneiden, ist von zentraler Bedeutung sowohl für das langfristige volkswirtschaftliche Wachstum als auch für das Einkommen, das jeder Einzelne am Arbeitsmarkt erzielen kann. Aber auch der beruflichen Orientierung kommt eine wichtige Rolle für die Volkswirtschaft zu.

Welche konkret?

Für mich bedeutet Berufsorientierung, dass die Menschen dazu befähigt werden, selbstbestimmt, mündig und kompetent über ihre berufliche Orientierung entscheiden zu können. In einem Gutachten des Aktionsrats Bildung haben wir das mal als „berufliche Souveränität“ bezeichnet. Aber zu einer souveränen Berufswahl gehört unbedingt auch, dass man die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge versteht und sie in seinen Entscheidungen berücksichtigt. Eine souveräne Entscheidung über die eigene Berufswahl kann nicht ausschließlich die individuellen Tätigkeitsinteressen berücksichtigen: Wenn es am Arbeitsmarkt keine Unternehmen gibt, die die Tätigkeiten des erlernten Berufs nachfragen, dann wird die Berufswahl nicht zu einem erfüllenden Ergebnis führen, weil man den Beruf nicht ausüben kann. Aus volkswirtschaftlicher Sicht muss eine souveräne Berufsorientierung dazu befähigen, dauerhaft Berufe auszuüben, die nicht nur individuell zu Lebenszufriedenheit führen, sondern auch zu dem Nachfrageprofil am Arbeitsmarkt passen. Die zentrale Herausforderung beruflicher Souveränität besteht daher darin, am Arbeitsmarkt Mismatch im Sinne einer fehlenden Passung zwischen den angebotenen und nachgefragten Berufsprofilen zu verhindern.

Würden Sie so weit gehen und sagen, dass dieser Aspekt von Seiten der Politik sträflich unterschätzt wird?

Nein, das würde ich nicht wirklich sagen. Das Bewusstsein ist ja, sowohl in der Politik als auch in den Schulen, durchaus da – wenn auch manchmal nur in Sonntagsreden. Woran es hapert, ist vor allem, dass wir von der Erkenntnis zur Umsetzung in jeder einzelnen Schule und für alle Jugendlichen kommen. Und da wird das Thema dann leider doch vielerorts sträflich vernachlässigt.

Haben Sie Beispiele?

Praktika sollten in allen Schulformen verbindlich sein. Wichtig ist, dass die Schulen durch eine Zusammenarbeit mit Betrieben sicherstellen, dass die Jugendlichen unabhängig von ihrem familiären Hintergrund interessante Praxiserfahrungen sammeln können. Die Praktika müssen gute Lernerfahrungen bieten, die auch entsprechend im Unterricht vor- und nachbereitet werden. Dann hat die Politik angeregt, die Zusammenarbeit zwischen Schulen und externen Beratungsangeboten wie etwa der Bundesagentur für Arbeit zu verbessern. Das ist prinzipiell eine gute Idee. Es scheint aber eine gewisse Kluft zwischen der Angebotsseite und dem wahrgenommenen Nutzen zu bestehen. Ich glaube, dass ein wichtiger Grund dafür ist, dass man den einzelnen Menschen, die einzelne Persönlichkeit kennen muss, um tragfähige Berufsempfehlungen geben zu können. Informationen über die beruflichen Möglichkeiten vor dem Hintergrund der jeweiligen Kompetenzen und Interessen sind sehr wichtig. Aber am Ende des Tages sind die für jedes Individuum wirklich tragfähigen Optionen nicht in einem halbstündigen Gespräch zu klären.

Was könnte man noch machen?

In einer großen Studie haben wir gesehen, dass Mentoring-Programme hier sehr stark helfen können. Sie zielen darauf ab, die Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen aus benachteiligten Familien zu verbessern, indem sich Studierende als Mentorinnen und Mentoren regelmäßig mit ihnen treffen. Durch das Programm haben viel mehr Jugendliche einen Ausbildungsplatz gefunden. Ein wichtiges Element dabei dürfte darin bestehen, dass die Mentoren mit den Jugendlichen über längere Zeit eine persönliche Beziehung aufgebaut haben, die es ihnen ermöglicht, die Interessen und Hintergründe der Jugendlichen ganz bewusst mit einzubeziehen.

Es gibt ja Berufe, für die sich seit Jahren zu wenige Menschen entscheiden, das Angebot deckt die Nachfrage also nicht. Ist es für Sie als Volkswirt gerechtfertigt, wenn der Staat an dieser Stelle in den Markt eingreift und z.B. Programme unterstützt, die in der Phase der beruflichen Orientierung auf einzelne Branchen hinweisen?

Dass die Politik hier informiert, finde ich völlig unverfänglich. Es geht ja nicht darum, dass der Staat jedem Einzelnen vorschreibt, welchen Beruf sie oder er ausüben sollte. Sondern es geht darum, die Grundlage dafür zu vermitteln, souveräne und selbstbestimmte Berufsentscheidungen zu treffen – mit Verständnis für die wirtschaftlichen Zusammenhänge und unter ihrer Berücksichtigung. Informationen darüber, in welchen Berufen das Angebot die Nachfrage übersteigt oder umgekehrt, ist ja kein Eingriff in den Markt, sondern nur eine verbesserte Entscheidungsbasis für jeden Einzelnen. Die Jugendlichen sollten ein Überblickswissen über aktuelle und zukünftige berufliche Situationen erlangen, das es ihnen ermöglicht, auch solche Berufsoptionen zu erkennen, die außerhalb der Erfahrungen von familiärem Umfeld oder geschlechtsspezifischer Stereotypen liegen.

Wann also sind Maßnahmen in der Berufsorientierung zusammenfassend für Sie als Ökonom ein Erfolg?

Ziel einer gelungenen Berufsorientierung sollte die Übereinstimmung von Interessen und Fähigkeiten einer Person auf der einen Seite mit den Bedarfen des Arbeitsmarktes und den Anforderungen beruflicher Tätigkeiten auf der anderen Seite sein. So werden in offiziellen Prognosen für die nächsten 15 Jahre große Arbeitskräfteengpässe in den Informatik- und IT-Berufen sowie in den Gesundheitsberufen erwartet. Demgegenüber werden große Überangebote in Büro- und Sekretariatsberufen und in Finanzdienstleistungen, Rechnungswesen und Steuerberatung erwartet. Über solche Trends muss man informiert sein, um seine Berufswahl souverän ausüben zu können. Das gilt übrigens nicht nur für Berufseinsteiger, sondern ist ein lebensbegleitender Prozess. Weil in der Berufswelt ständig struktureller Wandel zu erwarten ist, muss die Berufsorientierung als lebensbegleitende Aufgabe verstanden werden. Daher gehört zur beruflichen Souveränität auch, dass die Menschen zum Wandel befähigt werden, dass sie Kompetenzen für Anpassungsfähigkeit haben.

Sie forschen, lehren und schreiben sehr viel – wünschen Sie sich manchmal, etwas Handfesteres gelernt zu haben?

Manchmal ja – aber auch wirklich nur ganz manchmal. Natürlich ist es so, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner ist: Man hätte gerne das, was man eben nicht hat. In meinem Familien- und Freundeskreis machen Viele etwas viel Handfesteres, etwa im handwerklichen oder sozialen Bereich, und das ist wirklich toll. Aber man kann nicht alles haben. Und die wissenschaftliche Arbeit finde ich schon extrem spannend: Nicht nur zu überlegen, worin bestimmte Zusammenhänge begründet sind – warum sind einige Länder reich geworden und andere nicht –, sondern eben ganz konkret anhand von Daten zu testen, welche Faktoren denn in der echten Welt tatsächlich wichtig sind und welche nicht. Das ist schon eine sehr kreative Arbeit und in einem gewissen Sinne eigentlich auch sehr handfest – denn es geht ja darum, was wirklich funktioniert. Der akademische Beruf ist schon ein toller Beruf, und ich würde ihn ungern gänzlich gegen etwas anderes eintauschen.

Vielen Dank!

Zum Aufsatz: “Berufseinstieg als Wachstumsfaktor”

Gutachten “Bildung und berufliche Souveränität”

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