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Ukrainische Flüchtlinge am Ausbildungsmarkt
“Die meisten Geflüchteten wollen sich eine neue Existenz aufbauen”

Rund 1,2 Millionen Menschen sind seit Beginn des Krieges 2022 aus der Ukraine nach Deutschland geflohen. Rund 400.000 von denen, die noch immer in Deutschland wohnen, sind unter 18 Jahre alt, viele von ihnen stehen dem deutschen Ausbildungsmarkt früher oder später zur Verfügung. Über die Chancen, die sich daraus für Ausbildungsbetriebe ergeben, sprachen wir mit Dr. habil. Kseniia Gatskova, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Frau Dr. Gatskova, es zeichnet sich ab, dass viele der zu uns geflohenen Ukrainer nicht nur sehr oft in deutschen Engpassberufen arbeiten, sondern sehr häufig auch in Engpass-Ausbildungsgängen eine Lehre beginnen. Der Gedanke ist beklemmend, von einem Krieg zu profitieren – aber kann es sein, dass gerade auch die ukrainischen Flüchtlingsbewegungen langfristig helfen, unser massives Fachkräfteproblem zu lösen?

Unsere Daten zeigen, dass viele ukrainische Geflüchtete Qualifikationen mitbringen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt besonders gefragt sind. Vor allem geht es um Pflege- und Gesundheitsberufe, Berufe im Handwerk, sowie im Berufskraftverkehr. Langfristig könnten auch Ukrainerinnen und Ukrainer dazu beitragen, den Fachkräftemangel abzumildern. Die meisten Geflüchteten aus der Ukraine wollen nicht von Sozialleistungen abhängig sein, sondern sich eine neue Existenz aufbauen – und wenn das mit den Bedarfen des deutschen Arbeitsmarkts übereinstimmt, können beide Seiten profitieren. Wichtig ist, dass Deutschland attraktive Bedingungen für eine langfristige Integration schafft, etwa durch Sprachförderung, Kinderbetreuungsinfrastruktur – die insbesondere für die Vereinbarung familiären Pflichten und Arbeit für die Mütter ausschlaggebend ist), – schnellere und weniger bürokratische Anerkennung von Qualifikationen sowie Unterstützung in der Ausbildung.

Es gibt Zahlen, gerade auch nach den Flüchtlingsströmen 2015, wonach die Effekte im Ausbildungsbereich erst nach rund fünf Jahren richtig spürbar werden. Auch deshalb, weil die Flüchtlinge erst die Sprache lernen müssen und erst dann die Suche nach einem Ausbildungsplatz beginnt. Können Sie schon absehen, welche Branchen am meisten vom Zustrom profitieren können?

Ukrainische Geflüchtete sind überproportional von Frauen repräsentiert, und ein großer Anteil von ihnen hat vor der Flucht in reglementierten Berufen wie medizinischen Gesundheitsberufen oder Lehr- und Erziehungsberufen gearbeitet. Ukrainische Auszubildende waren dementsprechend schon im Sommer 2024 überdurchschnittlich im Gesundheitswesen, also in Krankenhäusern und Arztpraxen, vertreten. Hinzu kommen Alten- und Pflegeheime sowie der Erziehungs- und Unterrichtsbereich in Kindergärten und Schulen. Das sind jedoch noch keine großen Zahlen, da – wie Sie bereits bemerkt haben – zunächst die für die Ausbildung nötigen Deutschkenntnisse erworben werden müssen. Bei Auszubildenden aus den Asylherkunftsländern ist die Branchenstruktur ähnlich. Im Sommer 2024 gab es insgesamt etwa 40.000 Auszubildende, darunter rund 16.000 in den Bereichen Gesundheit, Pflege sowie Erziehung. Insofern könnten dies auch die Bereiche sein, in denen wir in Zukunft einen weiteren Anstieg bei ukrainischen Auszubildenden sehen werden.

Haben Sie Kenntnis von Projekten in Deutschland, die die Integration von Geflüchteten in den Ausbildungsmarkt sehr gezielt fördern?

Es gibt in Deutschland mehrere Projekte, die gezielt die Integration von Geflüchteten in den Ausbildungsmarkt fördern. Ein Beispiel ist das Programm „Berufliche Orientierung für Personen mit Flucht- und Migrationserfahrung (BOFplus)“, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird. Zugewanderte haben hier die Möglichkeit, verschiedene Berufe praktisch in einer Ausbildungsstätte zu erproben, sich mit fachspezifischer Sprache und Wissen vertraut zu machen sowie fachliche Kenntnisse zu vertiefen. Die Teilnehmer werden bis zur Aufnahme einer Ausbildung, Qualifizierung oder eines Studiums unterstützt. Ein anderes Beispiel ist das Qualifizierungsprogramm „Perspektiven stärken“ von IKEA und socialbee. Im Rahmen dieses Programms werden geflüchtete Frauen auf ihren Einstieg in den Arbeitsmarkt vorbereitet. Für die Zeit der Qualifizierung werden Teilnehmerinnen ein Tablet und Internetzugang zur Verfügung gestellt. Frauen mit Fluchthintergrund, die bereits Deutschkenntnisse auf A2-Niveau haben, dürfen teilnehmen. Das ist natürlich sehr wertvoll, da viele Geflüchtete schon in den frühen Phasen nach ihrer Einreise eine gute Chance bekommen, neue Arbeitskontakte zu knüpfen, wichtige Qualifikationen zu erwerben und ihren beruflichen Weg in Deutschland zu starten.

Vielen Dank für das Gespräch!

https://iab.de/publikationen-bereich/?id=5

www.berufsorientierungsprogramm.de/bop/de/angebot-fuer-zugewanderte/querschnittsthemen/_documents/erfahrungen-aus-foerderprogrammen.html

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