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Jörg Dittrich ist neuer ZDH-Präsident
„Wir Handwerker wissen, dass wir täglich etwas Produktives schaffen“

Seit Januar hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks einen neuen Präsidenten. Jörg Dittrich, 53, ist Dachdeckermeister, studierter Bauingenieur und Vater von sechs Kindern. Welche Ideen bringt er mit ins neue Amt, um wieder mehr junge Menschen für das Handwerk zu begeistern?

Herr Dittrich, Sie wurden am 8. Dezember 2022 mit großer Mehrheit an die Spitze eines Verbandes gewählt, der gut eine Million Handwerksbetriebe und 5,6 Millionen Beschäftigte repräsentiert, die im Handwerk arbeiten. Wie weit oben auf Ihrer To-do-Liste steht die Frage, wie man wieder mehr Schulabgängerinnen und Schulabgänger für das Handwerk begeistern könnte?

Aus tiefster Überzeugung kann ich Jugendlichen sagen: Das Handwerk bietet ein gutes Fundament für ein erfülltes und zugleich zukunftssicheres Berufsleben. Die Auszubildenden von heute sind die Fachkräfte von morgen. Und diese werden dringend benötigt, um die vielen anderen To-Dos auf der Liste anzupacken – beim Klimaschutz, bei der Digitalisierung, der Mobilitäts- oder Energiewende. Und genau das sind auch die Themen, die die Heranwachsenden bewegen. Das Handwerk eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, es beispielsweise nicht allein beim Klimaprotest und der Klimademonstration zu belassen, sondern hauptberuflich täglich aktiv für den Klimaschutz tätig zu werden.

Sie sind bei der Berufswahl einer Tradition gefolgt. Der Urgroßvater war Dachdeckermeister, ihr Vater auch, jetzt leiten Sie den Betrieb in vierter Generation. Man könnte sagen: Sie haben es bei der Berufswahl ganz schön leicht gehabt, weil Sie von vielen Erzählungen nicht nur wussten, was auf Sie zukommt, sondern auch, was an diesem Job Spaß macht und was nicht. Genau dieses Wissen fehlt jungen Menschen ja oft nach der Schulzeit.

Ich kann an die reichhaltigen Erfahrungswerte meiner Vorfahren anknüpfen, und trotzdem lerne ich noch täglich hinzu. Denn im Dachdeckerhandwerk haben sich – wie in den Handwerksberufen generell – die Aufgaben und Anforderungen über die vergangenen Jahre und mit den technologischen Entwicklungen stark gewandelt. Nehmen Sie zum Beispiel die Schadensermittlung. Heute werden hierfür wie selbstverständlich Drohnen eingesetzt, im Berufsalltag meines Großvaters oder Vaters wurde das mit herkömmlichen Methoden gemacht und das hieß dann natürlich auch öfter, aufs Dach zu steigen. Innovativ und am Puls der Zeit war das Handwerk auch da schon, heute ist und wird es zudem zunehmend digital. In der Berufsorientierung müssen junge Menschen davon noch viel mehr erfahren. Viel zu oft bestehen längst überholte Vorstellungen vom Handwerk. Es gilt, mit Klischees aufzuräumen und dadurch mehr Jugendliche für das Handwerk zu begeistern.

Macht es Ihnen nach wie vor Spaß, bei Wind, Kälte und Hitze auf dem Dach eines Hauses zu stehen und dafür zu sorgen, dass es die Menschen trocken haben?

Der Beruf fasziniert mich bis heute. Wir Handwerker wissen, dass wir täglich etwas Produktives schaffen. Die Reaktion auf unser Tun erhalten wir unmittelbar – wie zum Beispiel die Freude der Kundinnen und Kunden über die neuen Solaranlagen auf dem Dach. Das macht zufrieden. Zusätzlich befasse ich mich mit Innovationen, mit wertschätzender Mitarbeiterführung, beobachte Markttrends und begleite Auszubildende – was für ein abwechslungsreicher Beruf!

Wie schafft man es Ihrer Meinung nach, bei Jugendlichen den richtigen Nerv zu treffen, wenn man für den Handwerksberuf wirbt?

Jugendliche möchten etwas bewegen und Zukunft mitgestalten. Im Handwerk sind sie da genau richtig. Es sind Handwerkerinnen und Handwerker, die unsere Wirtschaft, Gesellschaft und unser Land am Laufen halten und die an vielen Stellen unverzichtbar sind: beim Klimaschutz, beim Wohnungsbau und der energieeffizienten Sanierung. Die Arbeit im Handwerk verbindet neue Technologien mit bewährten Techniken und Traditionen, zugleich ist sie zukunfts- und jobsicher. Da Fachkräfte im Handwerk händeringend gesucht werden, braucht man sich mit einer handwerklichen Ausbildung keine Sorgen zu machen, ob man auf dem Arbeitsmarkt unterkommt, umso weniger, wenn man noch einen Meisterabschluss oben draufgesetzt hat: Das sind gesuchte Fachkräfte in den Betrieben, die sehr schnell die Karriereleiter aufsteigen und Führungsaufgaben im Betrieb oder sogar dessen Leitung übernehmen können. Allein in den kommenden 5 Jahren muss bei rund 125.000 Betrieben die Nachfolge geregelt werden, also 125.000 Chancen für all diejenigen, die sich selbstständig machen und ihre eigene Chefin oder eigener Chef werden möchten.

Angenommen, ein Schüler in der Berufsfindungsphase möchte sich ein genaues Bild darüber machen, wie und was in einem Handwerksbetrieb gearbeitet wird. Was kann sie oder er tun? Einfach bei einem Betrieb in der Gegend anrufen und fragen, ob man mal ein paar Tage reinschnuppern kann? Oder jobben oder ein Praktikum machen? Was empfehlen Sie?

Die Berufschancen stehen im Handwerk derzeit so gut wie kaum jemals zuvor. Im Idealfall weiß sie oder er schon ungefähr, wo die eigenen Interessen liegen und in welche Richtung es gehen sollte. Lebensmittelhandwerk? Kunsthandwerk? Gesundheitshandwerk? Oder doch lieber ins Bauhandwerk? Einen sehr guten Überblick zu allen Berufen und Ausbildungswegen findet sich auf der Seite www.handwerk.de . Dort zeigen auch Videos junger Berufsinsider, wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Bei den Handwerkskammern informieren Ausbildungsberaterinnen und Ausbildungsberater über alle Themen rund um die Berufsausbildung, neben anderem über neue Ausbildungswege wie zum Beispiel das BerufsAbitur oder die Höhere Berufsbildung und über ganz neue Berufe wie den Elektroniker für Gebäudesystemintegration. Und natürlich sollte man sich nicht scheuen, bei einem Betrieb einfach mal anzuklopfen und zu fragen, welche Möglichkeiten des Kennenlernens es dort gibt. Durch ein Praktikum lässt sich auf jeden Fall schon mal erfahren, ob der handwerkliche Traumberuf auch hält, was man sich davon verspricht.

Danke, Herr Dittrich, für das Gespräch und alles Gute im neuen Amt!

https://www.zdh.de/ueber-uns/fachbereich-berufliche-bildung/ausbildung/berufsorientierung-und-bewerbersuche/berufsorientierung/

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