Kolumne Susanne Gry Troll: Auslandserfahrung für Azubis und Studierende
Win-Win-Win-Win für Lehrlinge, Betriebe, Regierung und Gesellschaft

in der Kolumne unserer Journalistin Susanne Gry Troll, der Autorin des Ratgebers Die Auslandsreise, geht es um die Frage, ob es Auslandserfahrung auch für Azubis und nicht nur für Studenten gibt. Warum Programme wie Erasmus+ und „AusbildungWeltweit“ ein echter Gewinn für junge Talente, Betriebe und die Gesellschaft sind. Inklusive kompakter Checkliste und Profi-Argumenten für das Chefgespräch
Von Susanne Gry Troll
Die Europäische Union (EU) und die Bundesregierung verfolgen ein klares politisches Ziel: Auslandserfahrung darf kein Privileg für Studierende an Universitäten sein. Beide Institutionen investieren massiv in Förderprogramme, um die berufliche Mobilität zu steigern und junge Talente fit für den globalen Markt zu machen. Während die EU ihr Modell Erasmus+ umstrukturiert und ausgebaut hat, schließt die Bundesregierung mit dem Programm „AusbildungWeltweit“ eine wichtige Lücke: Es ermöglicht Auszubildenden praxisorientierte Aufenthalte auch außerhalb Europas (z. B. in den USA oder Asien). Der Blick über den Tellerrand fördert nicht nur Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenz, sondern ist ein echtes Upgrade für den Lebenslauf.
Gefördert werden über ERASMUS+ praxisorientierte Lernphasen und Arbeitsaufenthalte an Arbeitsplätzen oder Bildungseinrichtungen im Ausland. Ein Aufenthalt dauert in der Regel zwischen zwei Wochen und 12 Monaten – viele Kurzzeit-Praktika für Auszubildende sind auf rund drei Wochen ausgelegt. Das Besondere: Die Stipendien decken einen Großteil der Kosten für Unterkunft und Fahrt ab. Da es sich um echte Zuschüsse handelt, muss kein Cent zurückgezahlt werden. Zudem erhalten Teilnehmende kostenlosen Zugang zu Online-Sprachkursen.
Wer den Horizont über Europa hinaus erweitern möchte, nutzt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte Programm „AusbildungWeltweit“. Es ermöglicht Auszubildenden und Berufsschülern (ohne Altersbeschränkung) einen dreiwöchigen bis dreimonatigen Aufenthalt in weltweiten Drittstaaten wie den USA, Kanada oder Japan. Die Voraussetzungen sind ähnlich wie bei Erasmus+: Der Ausbildungsbetrieb muss zustimmen und die Vergütung weiterzahlen, während der Bund hohe Pauschalen für Flüge und Lebenshaltungskosten beisteuert.
Wer kann wie was machen?
Das Angebot richtet sich an eine breite Zielgruppe, wobei die rechtlichen Rahmenbedingungen für alle Bundesländer gleichermaßen gelten: Für Auszubildende in einer dualen oder schulischen Berufsausbildung, die Vergütung läuft währenddessen weiter. Für Schülerinnen und Schüler an allgemein- oder berufsbildenden Schulen. Für Studierende an Hochschulen und Unis für Auslandssemester oder -praktika. Und auch für junge Absolventen, da eine Förderung bis zu einem Jahr nach dem Abschluss möglich ist.
Einzelpersonen können sich nicht direkt bei der EU oder dem BMBF bewerben – der Weg führt immer über eine koordinierende Institution. Hier gibt es zwei primäre Ansätze: Der direkte Weg: Viele Berufsschulen, Hochschulen oder die regionalen Kammern (IHK/HWK) pflegen eigene Partnerschaften und organisieren Aufenthalte direkt. Der indirekte Weg über freie Poolprojekte: Sollte die eigene Bildungseinrichtung keine Verträge haben, können sich Bewerber über externe Organisationen für sogenannte Poolprojekte melden. Zentrale Plattformen wie MeinAuslandspraktikum.de helfen bei der Vermittlung.
Die Vorbereitung
Eine solide Planung benötigt etwa vier bis sechs Monate Vorlauf. Als idealer Wegweiser und Standardwerk hilft das Buch „die auslandsreise 2026“. Der Ratgeber bündelt wichtiges Insiderwissen, rechtliche Rahmenbedingungen, bietet direkte Kontakte und zeigt Alternativen auf. Erste Anlaufstellen vor Ort sind zudem die Lehrkräfte, das International Office der Hochschule oder die Mobilitätsberater der regionalen IHKs.
Das Fazit
Ein Auslandsaufenthalt während der Qualifikationsphase ist weit mehr als eine persönliche Urlaubsreise. Er ist eine Investition, von der alle Seiten gleichermaßen profitieren. Lehrlinge und Studierende wachsen an neuen Aufgaben und stärken ihre Karrierechancen. Betriebe gewinnen hochqualifizierte, selbstständige Fachkräfte mit internationalem Know-how. Die Politik sichert die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts. Und nicht zuletzt profitiert die gesamte Gesellschaft: Junge Menschen, die im Ausland lernen, bringen ein tiefes Verständnis für interkulturelle Kommunikation mit zurück. Sie bauen Vorurteile ab und stärken den Zusammenhalt in einer globalisierten Welt.
Na dann, Nix wie weg
Ihre Susanne Troll
Quick-Checkliste
- Optionen prüfen: Interne Programme der Schule, Kammer oder Hochschule erfragen
- Chef einweihen: Das Vorhaben frühzeitig mit dem Ausbildungsbetrieb abstimmen
- Bewerbungsweg wählen: Interne Plätze nutzen oder freie „Poolprojekte“ im Netz suchen
- Unterlagen einreichen: Lebenslauf (z. B. Europass) und Motivationsschreiben vorbereiten
- Vertrag schließen: Learning Agreement vor der Abreise unterzeichnen lassen
Argumente für den Chef
- Kostenneutral: Die Förderprogramme tragen Reise- und Unterkunftskosten; der Betrieb zahlt nur die reguläre Vergütung weiter
- Fachlicher Mehrwert: Azubis bringen neue Arbeitstechniken und frische Impulse ins Unternehmen.
- Zukunftskompetenz: Fließende Sprachkenntnisse und interkulturelles Geschick sichern den Umgang mit globalen Kunden
- Employer Branding: Betriebe, die Auslandsaufenthalte ermöglichen, punkten massiv bei der Personalgewinnung
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