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Künstliche Intelligenz in der BO
„Wir verstehen den Einsatz von KI als Vorzimmer zum menschlichen Beratungsgespräch“

Die Verbundunternehmen mycelia.education und Form21 GmbH mit Sitz in Berlin möchten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Berufsberatungsgespräche anbieten, die entweder mit einem Avatar oder über Chatbots geführt werden. Worauf es hier bei der Programmierung ankommt und wo die Fallstricke liegen, erklärte uns Geschäftsführerin Julia Kleeberger.

Frau Dr. Kleeberger, warum ist es sinnvoll, Berufsberatung über eine KI-gestützte Plattform anzubieten?

Wir konzentrieren uns im ersten Schritt auf die Orientierung zu Ausbildungsberufen und haben über 700 Ausbildungen im Portfolio. Wir verknüpfen sie mit dem individuellen Stärkenprofil und nutzen dafür ESCO, ein Kompetenzframework der EU mit rund 14.000 Kompetenzen. Diese Verknüpfung in Echtzeit zu leisten ist ein idealer Anwendungsfall für KI und für Menschen so nicht leistbar. Auch in der Gesprächsführung setzen wir generative KI ein. Jugendliche können ihre Eingabe in der Sprache ihrer Wahl machen, die Ausgabe erfolgt auf Deutsch. In unseren Tests mit über 100 jungen Menschen mit unterschiedlichen Sprach-Hintergründen haben wir festgestellt, dass sie sich schnell gegenüber der KI öffnen. Und es fiel ihnen sehr leicht, sich auszudrücken. Gleichzeitig haben sie den Erwerb der deutschen Sprache trainiert.

Kann ein solches Angebot Beratungsgespräche ersetzen?

Nein, wir verstehen den Einsatz von KI quasi als Vorzimmer zum menschlichen Beratungsgespräch, nicht als Ersatz. Die menschliche Berufsberatung ist hochspezialisiert mit ausdifferenzierten Fragetechniken, die wir nicht replizieren. Unser Ziel ist es vielmehr, den ersten Schritt zu erleichtern und Orientierung zu geben und Hürden abzubauen, damit das anschließende Gespräch mit einem Menschen auf solidem Fundament steht.

Sie haben inzwischen mit Ihrem Team einen Prototyp entwickelt. Wie muss ich mir das konkret vorstellen? Beschreiben Sie doch einmal, vielleicht auch anhand eines Beispiels, wie die Programmierung eines KI-gestützten Angebots abläuft.

Wir arbeiten entlang eines agilen Designprozesses. In diesem Projekt haben wir gemeinsam mit dem Team von Jürgen Seitz der Hochschule Offenburg zusammengearbeitet. Am Anfang steht bei uns nicht die Technik, sondern das Verstehen: Wir führen Interviews mit der Zielgruppe, analysieren den Forschungsstand und prüfen den rechtlichen Rahmen, also konkret, unter welche Risikostufe unsere Anwendung nach dem EU AI Act fällt. Von Beginn an arbeiten also verschiedene Disziplinen zusammen: User Research, Technik, Psychologie und Didaktik. Steht das Grobkonzept, bauen wir schnell erste Mockups, also klickbare Simulationen, die zeigen, wie sich die Anwendung anfühlt. Die haben wir mit jungen Menschen getestet, gelernt und verbessert. Parallel dazu entwickelt die Technik die Architektur. Für das KI-Gespräch haben wir die Dialogstruktur des ProfilPASS in ein Large Language Model übersetzt, so dass die KI flexibel reagiert statt Standardfragen zu stellen. Das haben wir mehrfach iteriert und getestet.

Nun ist ihr Angebot ja, diese Technik in bestehende BO-Anwendungen einzubauen. Was genau ist da geplant?

Die Entwicklungen sind ja enorm rasant. Als wir 2025 gestartet haben, hatten wir technisch deutlich weniger Möglichkeiten als heute. Aktuell arbeiten wir auf zwei Ebenen: Technisch bauen wir die Architektur modell-agnostisch auf und ziehen sie auf europäische Cloud-Server um, um souveräner zu operieren und testen dabei auch, wie wir mit Modellen wie Mistral gleichwertige Ergebnisse erzielen. Auf der Anwenderseite integrieren wir den Prototypen schrittweise in die bestehende Stark-App: Zunächst konzentrieren wir uns auf die Chatbot-Funktion. In einem weiteren Schritt soll die Mehrsprachigkeit hinzukommen. Und dann prüfen wir die Integration einer Avatar-Lösung.

Im Auftrag des VDI haben Sie eine Studie erstellt, in der es um solche KI-Beratungssysteme in der Berufsorientierung geht. Was haben Sie genau untersucht und was kam dabei heraus?

Im Auftrag der VDI/VDE-IT haben wir in einem viermonatigen Forschungsprojekt untersucht, unter welchen Bedingungen KI-gestützte Berufsorientierung in Schulen wirksam wird, konkret am Beispiel der Stark-App inkl. der Chatbot-Funktion. Dafür haben wir Tiefeninterviews geführt, Workshops mit 52 Jugendlichen durchgeführt und Fokusgruppen mit Lehramtsstudierenden sowie weiteren Fachleuten befragt. Die Studie identifiziert 12 Gelingensbedingungen in den Bereichen Inhalt, Recht und Struktur. Zwei Befunde stechen heraus: Vor dem Test wollten 71 % der Jugendlichen KI in der Berufsorientierung nutzen — nach der Verwendung des Chatbots stieg dieser Wert sogar auf 94 %, bei null Ablehnungen. Der Mehrwert für die jungen Menschen ist damit klar belegt. Jetzt müssen die Institutionen nachziehen. Denn die Studie zeigt auch die vorhandene Skepsis bei Bildungsakteur:innen. Und das ist vor allem ein Informations- und Strukturproblem. Nur jede fünfte Lehrkraft kannte den EU AI Act; KI-Tools werden derzeit überwiegend auf Basis informeller Praktiken eingesetzt, weil Schulungen und klare Richtlinien fehlen. Deshalb suchen wir jetzt finanzielle Unterstützung, um in Ko-Kreation Compliance-Kits mit Bildungseinrichtungen zu entwickeln und Schulungen für eine rechtliche Orientierung leicht verständlich umzusetzen.

stark-app.de/publikationen

© Foto: David Gauffin

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