Skip links

Pflegestudium
„Wer später Verantwortung übernehmen möchte, ist im Pflegestudium genau richtig“

Seit 2020 kann man in Deutschland Pflege grundständig studieren, Studiengänge sind damit berufsrechtlich verankert. Im Interview erzählt Patrick Weggenmann, Pflegestudent an den Hochschulen Esslingen und der Uni Tübingen, welche Veränderungen die Reform für Studierende und Patient*innen mit sich bringt.

Herr Weggenmann, Sie studieren den praxisintegrierenden Studiengang Pflege B.Sc. – wie kam es zu dieser Wahl?

Mein Weg in die Pflege war kein geradliniger. Er hat sich über mehrere Stationen hinweg immer wieder mit der medizinischen und pflegerischen Laufbahn gekreuzt. Den endgültigen Entschluss fasste ich während meines letzten Studiums. In dieser Zeit war ich sehr unglücklich und begann, mich nach alternativen Möglichkeiten umzusehen. Dabei half mir ein Studienorientierungstest, der mir erstmals aufzeigte, dass man Pflege auch studieren kann. Das fand ich so interessant, dass ich mich intensiver damit beschäftigte. Und je mehr ich mich informierte, desto überzeugender klang das Gesamtpaket, am Ende war die Entscheidung klar.

Wie ist Ihr Studium organisiert? Und wie kommt es, dass es bezahlt ist?

Grundsätzlich ist das Studium ähnlich organisiert wie andere Studiengänge auch. Während des Semesters finden reguläre Vorlesungen statt. Zusätzlich haben wir einmal pro Woche Unterricht im sogenannten „Skills Lab“, unserem Simulationszentrum, wo wir in geschützter Umgebung an Modellen und auch an uns selbst pflegerische Maßnahmen erlernen und üben. In den Semesterferien, aber auch während des Semesters, absolvieren wir sogenannte Blockeinsätze. Das bedeutet, dass wir praktisch arbeiten zum Beispiel in der Klinik, in der Langzeitpflege, im ambulanten Pflegedienst, in der Pädiatrie und in der Psychiatrie. Diese Einsätze entsprechen in Umfang und Verantwortung denen der Auszubildenden, da wir am Ende des Studiums die Berufszulassung erhalten und dafür alle praktischen Kompetenzen nachweisen müssen. Dass unser Studiengang vergütet wird, ist einer politischen Entscheidung zu verdanken: Im Oktober 2023 beschloss der Bundestag das Pflegestudiumstärkungsgesetz. Dieses schreibt eine angemessene Vergütung für Pflegestudierende vor. In unserem Fall bedeutet das, dass wir die gleiche Vergütung erhalten wie Auszubildende. Ziel ist es, dass sich Studierende voll auf ihr Studium konzentrieren können.

Der Studiengang führt zum Bachelorabschluss und zur Berufszulassung, was bedeuten diese Abschlüsse konkret?

Im Kern bedeutet das, dass man zwei Abschlüsse parallel erwirbt. Das spart nicht nur Zeit, sondern auch viel organisatorischen Aufwand. Durch die Berufszulassung tragen wir dieselbe Berufsbezeichnung wie Auszubildende, nämlich Pflegefachperson, und sind damit befähigt, in allen pflegerischen Versorgungsbereichen zu arbeiten. Der Bachelorabschluss eröffnet darüber hinaus den Zugang zur akademischen Welt. Er befähigt uns, evidenzbasierte Maßnahmen selbstständig zu recherchieren, zu bewerten und idealerweise in den Versorgungsalltag zu integrieren. Ziel ist es, die Patientensicherheit zu erhöhen und sicherzustellen, dass Pflege auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft erfolgt – so, wie es international bereits seit vielen Jahren üblich ist. Zudem eröffnet der Bachelor zahlreiche Weiterbildungs- und Studienmöglichkeiten, etwa durch neue Masterstudiengänge, und erleichtert die Anerkennung im Ausland.

Was macht Ihnen im Studienalltag am meisten Spaß?

Die Frage ist fast eher, was keinen Spaß macht, das ist natürlich scherzhaft gemeint. Mir persönlich gefällt vor allem die Abwechslung. Einerseits lernen wir theoretische Inhalte, die wir direkt im Skills Lab praktisch umsetzen, und können das Gelernte im selben Semester in der Praxis anwenden. Dadurch sehe ich einen direkten Lernerfolg und meine eigene Entwicklung als Pflegefachperson. Auch die Vielfalt der Module sorgt dafür, dass ständig neuer Input dazukommt und es kaum langweilig werden kann. Und nicht zuletzt spielt auch die Vergütung eine Rolle, sie ermöglicht ein Studierendenleben ohne permanente finanzielle Sorgen.

Welche beruflichen Perspektiven ergeben sich für Sie und andere Pflegestudierende mit Blick auf die Zukunft?

Ehrlich gesagt gibt es mehr Möglichkeiten, als man manchmal überblicken kann. Für mich persönlich gibt es gefühlt unzählige Bereiche, die ich spannend finde, weil Pflege ein extrem vielseitiges Berufsfeld ist und sich durch die Akademisierung derzeit rasant weiterentwickelt. Ganz konkret können wir nach dem Bachelor regulär in der Pflege arbeiten und dort verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Eine weitere Möglichkeit ist die Kombination aus praktischer Pflege und einem akademischen Anteil, bei dem wir aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse recherchieren, aufbereiten und in den Pflegealltag integrieren. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Perspektiven, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann.

Nach einem Masterabschluss eröffnen sich noch mehr Wege, etwa in Forschung, Management, Qualitätssicherung oder in spezialisierten Bereichen wie Intensiv- und Anästhesiepflege, Notaufnahme oder als Advanced Practice Nurse, mit perspektivisch weitgehend autonomen Tätigkeiten. Gleichzeitig bietet unser Doppelabschluss die Freiheit, keinen Master anschließen zu müssen. Man kann nach dem Bachelor direkt ins Berufsleben einsteigen oder klassische Fachweiterbildungen, etwa in der Onkologie, Palliativpflege oder Intensivpflege, absolvieren.

Sie sind auch als Studienbotschafter tätig, was bedeutet das und was motiviert Sie dabei?

In unserem Studiengang gab es einen internen Aufruf, Studierende zu gewinnen, die den Studiengang nach außen vertreten. Das klang für mich sofort interessant, da ich voll hinter dem Studium und der Pflege stehe und dafür brenne. Als Studienbotschafter geht es weniger um Werbung für einen einzelnen Studiengang, sondern um Studienorientierung insgesamt. Gemeinsam mit anderen Studienbotschaftern besuche ich Schulen und erkläre, wie Studieren in Baden-Württemberg funktioniert, mit allem, was dazugehört. Gleichzeitig haben Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit, direkt mit uns ins Gespräch zu kommen. So kann ich diesen aus meiner Sicht fantastischen Beruf jungen Menschen näherbringen.

Was geben Sie jungen Menschen mit auf den Weg, die kurz vor dem Schulabschluss stehen? Wann ist das Pflegestudium das Richtige?

Jungen Menschen kann man vor allem eines mitgeben: Nach dem Schulabschluss müssen sie selbst entscheiden, welchen Weg sie einschlagen wollen. Entscheidend ist, sich frühzeitig und ehrlich mit den eigenen Interessen auseinanderzusetzen. Genau hier liegt der Wert der Studienbotschafterarbeit, nicht im Überzeugen, sondern im Unterstützen bei der eigenen Entscheidungsfindung. Ob ein technischer Beruf, etwas Wirtschaftliches oder die Pflege der richtige Weg ist, lässt sich nicht vorgeben. Jede und jeder muss für sich herausfinden, wofür man brennt. Dazu gehört, sich aktiv zu informieren: Praktika zu machen, mit Menschen zu sprechen, Fragen zu stellen, Studieninformationstage und Messen zu besuchen. All das hilft, ein realistisches Bild zu entwickeln.

Wie stelle ich fest, dass ein Pflegestudium zu mir passt?

das Fach ist dann passend, wenn man Freude an sozialen Interaktionen hat, Interesse an Medizin und Pflege mitbringt und Verantwortung übernehmen möchte. Es ist ein Berufsfeld, das sich derzeit stark weiterentwickelt, viele Perspektiven bietet und zunehmend eigenständiges Arbeiten ermöglicht, auch unabhängig von anderen Professionen. Vor allem aber ist Pflege ein Beruf für Menschen, die anderen helfen wollen und täglich etwas Sinnvolles tun möchten.

Gibt es abschließend noch etwas, das Sie zur Pflege oder zum Pflegestudium sagen möchten?

Das Pflegestudium ist ein zentraler Weg, um der Pflege in Deutschland neue Perspektiven zu eröffnen und sie stärker an internationale Standards anzupassen. Ziel ist es, die Pflege als eigenständige Profession weiterzuentwickeln, eine Profession, die sie fachlich längst ist, die aber noch zu oft nicht entsprechend behandelt wird. Pflege ist kein Helferberuf. Sie folgt eigenen wissenschaftlichen Grundlagen und entwickelt sich zunehmend als eigenständige Disziplin.

Gerade weil die Pflegewissenschaft in Deutschland noch vergleichsweise jung ist, wird hier deutlich, welches Potenzial in ihr steckt und warum das Pflegestudium so wichtig ist. Es ermöglicht, Wissen zu vertiefen, neue Rollen zu übernehmen und die Pflege aktiv mitzugestalten. Die Möglichkeiten reichen von der direkten Versorgung über Forschung, Lehre und Management bis hin zu erweiterten Verantwortungsbereichen. Wer sich intensiv mit diesem Weg auseinandersetzt, merkt schnell, wie spannend und sinnstiftend Pflege sein kann. Für mich ist daraus eine echte Leidenschaft entstanden, so sehr, dass ich mir nichts anderes mehr vorstellen kann.

medizin.uni-tuebingen.de/de/pflegestudiengang

← Zurück

Leave a comment

fünf × 1 =