Ausbildung.de
„Der Einstiegspunkt in die Berufsorientierung verschiebt sich“

2010 ging das Portal MeinPraktikum.de online, zwei Jahre später folgte Ausbildung.de. 2015 verkauften die Gründer beide Portale an Bertelsmann, was die Entwicklung noch beschleunigte. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer von Ausbildung.de, Felix von Zittwitz.
Felix, in Teilen der Wirtschaft geht das große Zittern um, weil man angesichts von KI fürchtet, dass ganze Geschäftsbereiche wegbrechen. Wie ist das bei
euch?
Es stimmt, die Spielregeln verändern sich. Früher begann Berufsorientierung am Küchentisch, später bei Google. Heute mehr und mehr mit einem Prompt. Ein Teil unseres Traffics kommt schon direkt über LLMs, der klassische Klick auf eine Website wird seltener. Für Plattformen wie unsere ist das eine echte Disruption, weil sich der Einstiegspunkt in die Berufsorientierung verschiebt. Gleichzeitig steckt darin auch eine große Chance. Junge Menschen gehen sehr selbstverständlich an diese Entscheidung heran und nutzen KI als Sparringspartner. Unsere Aufgabe wird dadurch sogar wichtiger: Wir sorgen dafür, dass hinter diesen ersten Fragen echte Orientierung und Passung steht, mit strukturierten Daten, realistischen Einblicken und konkreten Ausbildungsplätzen.
Habt ihr auch Pläne, den jugendlichen Usern Tools mit Hilfe von KI anzubieten?
Unsere KI heißt “Abby” und ist bereits im Einsatz auf Ausbildung.de. Die Idee: Wenn junge Menschen ihre Fragen ohnehin an KI stellen, dann sollten sie dort auch Antworten bekommen, die wirklich weiterhelfen. Der Unterschied ist entscheidend: ChatGPT und Co. arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten aus Trainingsdaten. Wenn jemand sagt „Ich schreibe gern“, kommt schnell der Vorschlag: „Dann werde Journalist.“ Abby arbeitet mit realen Daten, bewährten Berufsorientierungs-Methoden und Kuration von echten Ausbildungs-Expert:innen. Sie soll nicht den vermeintlich wahrscheinlichsten Beruf vorschlagen, sondern helfen, echte Passung zu finden und Optionen sichtbar zu machen, die junge Menschen sonst vielleicht gar nicht auf dem Radar hätten.
Ihr macht Umfragen und veröffentlicht diese dann im Azubi.Report. Dabei gibt es immer wieder Ergebnisse, die eigentlich nicht neu sind, aber dennoch immer noch alarmierend klingen. So haben 42 Prozent der befragten Jugendlichen Schwierigkeiten, ihre eigenen Stärken zu erkennen. Offenbar gibt es nach wie vor kein Patentrezept, wie man hier Abhilfe schaffen könnte, oder?
Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir Berufsorientierung lange wie einen Test behandelt haben – wie im BIZ. Und: junge Menschen orientieren sich daran, was gesellschaftlich als „guter“ Beruf gilt oder was im eigenen Umfeld erwartet wird. Dem folgt eine Wahrnehmung, was sie können sollten, statt was ihnen wirklich liegt. KI kann hier sogar helfen, wenn sie die richtigen Fragen stellt. “Was interessiert dich wirklich?” “Womit beschäftigst du dich freiwillig?” “Was fällt dir leicht?” Wenn junge Menschen anfangen, diese Fragen ehrlich zu beantworten, entsteht oft ein viel klareres Bild.
Fast jeder zweite Azubi hat laut eurer Befragung seinen Ausbildungsplatz über ein Praktikum gefunden. Hat sich nach eurer Beobachtung denn das Angebot an Praktika in den Firmen gebessert? Mein Eindruck ist, dass diese inzwischen auch auf deren Ausbildungsseiten offensiver angeboten werden.
Absolut. Ein Praktikum ist oft der beste Einstieg in eine Ausbildung, beide Seiten bekommen ein realistisches Bild voneinander. Viele Fehlentscheidungen entstehen ja schlicht deshalb, weil junge Menschen sich unter einem Beruf etwas anderes vorstellen als das, was sie später tatsächlich machen. Ein Praktikum kann diese Lücke schließen. Und das senkt am Ende auch das Risiko für Ausbildungsabbrüche.
Ihr bietet inzwischen auch auf eurer Plattform Schülerpraktika an. Warum erst jetzt?
Frag‘ den Felix von vor drei Jahren! (lacht) Aber im Ernst: Wir haben eine vollgepackte Product Roadmap und bringen Woche für Woche neue Features an den Start. Es gibt viel zu viele gute Themen, die man angehen könnte – alles auf einmal klappt aber leider nicht. Wir sind seit einem guten Jahr live mit dem Angebot, haben schon tausende Stellen auf der Plattform und unsere Online-Sichtbarkeit wächst stetig. Wir sind sehr zufrieden mit dem Angebot
In Deutschland befindet sich die Wirtschaft seit Längerem in der Krise, das Thema Fachkräftemangel wurde angesichts größerer Entlassungswellen in den Hintergrund gedrängt. Dabei ist völlig klar, dass es bald wieder richtig aufploppen wird, wenn nämlich immer mehr Boomer in Rente gehen. Wie siehst du das?
Das ist ein klassischer „Don’t Look Up“-Moment. Die demografischen Zahlen sind ziemlich eindeutig: Bis 2030 scheiden rund 6,5 Millionen Boomer aus. Gleichzeitig rücken deutlich weniger junge Menschen nach, 54.000 Ausbildungsplätze bleiben jährlich unbesetzt. Die wirtschaftlichen Folgen liegen bei rund 5 bis 6 Milliarden Euro. Das ist eine Zukunftsfrage für den Standort Deutschland.
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