IW-Studie zu Fachkräftelücken
„Es gibt Bereiche, die ziemlich krisensicher sind und schon lange mit Engpässen kämpfen“

Die schon länger anhaltende konjunkturelle Abschwächung hat den Ausbildungsmarkt erreicht, in 2025 gab es fast fünf Prozent weniger Ausbildungsplätze als im Jahr zuvor. Sollten Jugendliche daher wieder verstärkt schauen, in welchen Branchen die Karriereaussichten besonders gut sind? Wir sprachen darüber mit Valeria Quispe, sie ist beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln für die Themen Qualifizierung und Fachkräftesicherung zuständig.
Frau Quispe, Sie haben vor Kurzem mit einem Team untersucht, in welchen Branchen die Fachkräftelücken in Deutschland am größten sind. Wenn nun Jugendliche bei der Berufswahl ihre Interessen und Neigungen in den Vordergrund stellen, ist das unbestritten der richtige Weg. Würden Sie als Ökonomin noch einen draufsetzen und sagen: Aber schaut euch unbedingt auch mal genau an, in welchen Branchen ihr begehrter seid als in anderen?
Natürlich ist es sinnvoll, sich nach den eigenen Interessen und Stärken zu orientieren. Das ist schließlich die Basis für Zufriedenheit im späteren Job. Aber klar, ein Blick auf den Arbeitsmarkt schadet nie, besonders, wenn einem Arbeitsplatzsicherheit wichtig ist. Man darf allerdings nicht vergessen: Der Arbeitsmarkt verändert sich ständig. Zwischen Schulzeit und Berufseinstieg kann sich in manchen Branchen ganz schön viel tun. Vor ein paar Jahren hätten viele wahrscheinlich gesagt: „Autoindustrie, da finde ich schnell einen guten Job!“ und zurzeit sieht das anders aus. Deshalb ermutige ich junge Leute, flexibel zu bleiben und sich auf Veränderungen einzulassen.
Dann einmal direkt zu den Studienergebnissen: Sie haben in der Studie auch innerhalb der Branchen Berufe identifiziert, bei denen der Mangel besonders groß ist. Nun ist das aber doch nur eine Momentaufnahme, oder? Oder kann ich mich, wenn ich heute eine Ausbildung beginne, sicher sein, dass ich nach Abschluss immer noch begehrt bin?
Ja, unsere Studie zeigt eine Momentaufnahme. Der darin sichtbare Fachkräftemangel ist aber kein kurzfristiges Phänomen. Er zieht sich seit Jahren und aktuell sieht es nicht so aus, als würde sich die Lage bald entspannen. Trotzdem gibt es leider keine Garantie, dass man nach der Ausbildung automatisch heiß begehrt ist. Es spielen viele Dinge eine Rolle: ob Arbeitgeber Mitarbeiter in dem Beruf und in der eigenen Region suchen, ob Gehalt und Arbeitsbedingungen passen und natürlich auch, die Konjunktur. Zu Beginn der Ausbildung kann alles vielversprechend aussehen, und plötzlich kommt eine externe Krise dazwischen, die den Einstieg ins Berufsleben erschwert. Es gibt jedoch Bereiche, die ziemlich krisensicher sind und schon lange mit Engpässen kämpfen, z.B. im Gesundheitswesen oder im Handwerk. Wer dort eine Ausbildung macht, hat meist auch künftig gute Chancen.
Welche Branchen leiden am heftigsten darunter, dass sich dafür zu wenige Menschen entscheiden?
Das Gesundheitswesen ist derzeit am stärksten von Fachkräfteengpässen betroffen. In 2025 fehlten hier im Durchschnitt ca. 40.000 Fachkräfte, um die offenen Stellen zu besetzen. Zu den Top 3 zählen auch das Bauwesen und die öffentliche Verwaltung.
Nun haben Sie auch festgestellt, dass in der Industrie der Nachwuchs fehlt, gerade bei Metallerzeugnissen und im Maschinenbau. Gerade hier ist doch momentan viel von Krise die Rede, wie passt das zusammen?
Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, ist es aber gar nicht. Stellenabbau heißt nicht automatisch, dass überall weniger Leute gebraucht werden. Eine Branche besteht aus verschiedenen Berufsfeldern. Während manche Kompetenzen aktuell weniger gefragt sind, werden andere dringender gesucht. In der Industrie passiert das gerade: Durch die Transformation verändern sich Produktionsprozesse, Digitalisierung und neue Technologien gewinnen an Gewicht. Dafür braucht es Fachkräfte mit bestimmten Qualifikationen. Also, entscheidend ist nicht nur, ob man in einer Branche arbeitet, sondern auch mit welchen Fähigkeiten und in welchem Beruf. Passende Qualifizierung ist hier also der Schlüssel.
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