Mein Standpunkt: Uta Glaubitz
Klima und Katastrophen

Heute fühlt es sich an wie eine längst vergangene Zeit. Da begann jedes Gespräch über Beruf mit dem Bekenntnis: „Ich möchte was mit Klima machen.“ Allerdings wollten die jungen Leute nicht Meteorologen werden, sondern lieber in die „Beratung“. Sie wollten „anderen etwas beibringen“, aber nicht „im System Schule“. Sie wollten predigen, aber nicht Pastor werden. Tempi passati, der Rausch ist vorbei.
Was man daraus lernen kann: Schwarmintelligenz ist gut, hilft aber bei der Berufsfindung nicht weiter. Eher im Gegenteil: Was ein junger Mensch werden will, sollte eine ganz und gar individuelle Entscheidung sein: Sternekoch oder Kostümbildner, Nuklearphysiker oder Marineoffizier. Denn erst durch den eigenen Entschluss wächst die Kraft, so einen Plan auch umzusetzen und nicht als Büropalme zu enden.
First Lesson learned: Bloß nicht einer Mode hinterherrennen. Denn Moden ändern sich schnell, einen guten Beruf aufzubauen dagegen dauert lange. Und mit dem Alter will man erst recht nicht denken „Naja, das haben wir damals alle so gemacht. Ich habe das nicht hinterfragt.“
Deutschland ist das Land der guten Ausbildungen, nicht der Wunderkinder. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel. Wobei: Bei den Klimapredigern diente eher das Model der schwerreichen Erbin als Vorbild. Was uns zum Thema Geld bringt. Second Lesson Learned: Ein guter Beruf sollte keine Haltung sein, sondern den eigenen Lebensunterhalt dauerhaft erwirtschaften. Es reicht nicht, jedes Jahr einen Projektantrag zu schreiben und sein Teilzeitpraktikum bis zum 30. Geburtstag zu verlängern.
Dass man mit dem Beruf seinen Lebensunterhalt erwirtschaftet, ist eigentlich selbstverständlich. Denn was nichts erwirtschaftet, ist kein Beruf, sondern eher ein Hobby oder Ehrenamt. Geld erwirtschaften hat oft damit zu tun, dass man etwas kann und etwas weiß, was die anderen nicht können und nicht wissen – und wofür sie bereit sind zu zahlen. Je hochwertiger das Können und Wissen, desto besser: Denken wir an Roboter-, Raketen- oder Impfstoffentwickler.
Und selbst wenn man nicht vorhat, seinen Lebensunterhalt zu erwirtschaften, so wäre es doch besser fürs Selbstbewusstsein, einen eigenen beruflichen Weg zu gehen. Doch Selbstbewusstsein ist ein heikles Thema. Denn Selbstbewusstsein und eine gewisse Schmerz-Unempfindlichkeit sind bereits Voraussetzung für Berufe wie Modedesigner, Musikproduzent, Innenarchitekt, Fotograf oder Regisseur. In diesen Berufen reicht es nicht, wirklich zu wollen. Es reicht nicht einmal, eine gute Ausbildung zu haben. Vielmehr braucht man eine Mischung aus Entschlossenheit und Ehrgeiz, guter Ausbildung, guten Lehrern und Meistern und – Selbstbewusstsein, übersetzt in „Standing“, „sich einen Namen machen“ und „sich verkaufen können“. Dazu ein spezifisches Glück, das in der Regel mit den Tüchtigen ist. Sollte man da Zweifel haben, eignen sich andere Berufswünsche eher.
Third Lesson Learned: Eine ganz tiefe innere Überzeugung ist keine Grundlage für einen Beruf (erst recht nicht, wenn sie einer Mode hinterherläuft). Grob gesagt: Je fragiler das Selbstbewusstsein, desto wichtiger wird es, eine eigene Entscheidung zu treffen für ein Wissen und Können, das die anderen nicht haben und für das sie bereit sind zu zahlen.
Ja, es ist kompliziert – vielleicht die komplizierteste Entscheidung überhaupt. Aber ein deep dive lohnt. Denn schlechte Berufsentscheidungen haben fast immer damit zu tun, dass ein junger Mensch die Angelegenheit gar nicht ernst nimmt. Viel zu schnell entscheidet er sich für eine Mode, weil sie eine Ausweichmöglichkeit bietet auf die drängende Frage: „Was willst Du denn später mal werden?“
Doch eine Berufsentscheidung sollte kein Ausweichmannöver sein. Ein Ausweichmannöver ist der Anfang vom Ende. Vor allem, wenn es noch verbunden ist mit schlechtem Selbstbewusstsein und „Wissen“ aus einem Zeitgeist-Bachelor, für das niemand zahlt. Mit Mitte 30 denkt man dann: „Oh Gott, ich wollte das alles nie.“ Dann fängt die ganze Sache von vorne an. Hoffentlich diesmal mit Meteorologe, Schornsteinfeger, Heizungsbauer oder Physiklehrer.
Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und Autorin des Longsellers „Der Job, der zu mir passt“ (Campus) und des Hörbuchs „Berufsfindung und Philosophie“ (Spotify).
Homepage Uta Glaubitz: www.berufsfindung.de
Podcast: Berufsfindung & Philosophie
Buchtipp: „Der Job, der zu mir passt“
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