
Standpunkt Uta Glaubitz
Toxische Motive

Nicht jedes Motiv ist ein gutes Motiv. Und nicht jedes Motiv taugt zur Berufswahl, meint Berufsberaterin Uta Glaubitz.
Von Uta Glaubitz
Fangen wir mit einer ganz einfachen Hypothese an: Der Beruf soll den Lebensunterhalt sichern und zur Persönlichkeit passen. Ergänzen könnte man Schlagworte wie Spaß, Motivation, Sinn, gute Aussichten.
Woran aber liegt es, dass Lea Maskenbildnerin werden will – und Leo Augenarzt? Man ist versucht zu sagen: „Na, an der Motivation!“ Als wäre damit alles geklärt. Ist es aber nicht – nicht in der Berufswahl.
Wenn zum Beispiel Leo Augenarzt werden will, nur, weil sein Vater Augenarzt ist, dann stellen sich zumindest folgende Fragen: Wäre es nicht besser, seinen eigenen Weg zu gehen, damit er nicht zeitlebens im Schatten seines Vaters steht? Vielleicht sind in seiner Familie nur Ärzte „etwas wert“? Dann ginge es eher um Prestige. Oder Leo traut sich nicht, seinem Vater zu sagen „Ich möchte lieber Goldschmied werden.“ Dann ginge es eher um Angst.
Natürlich gäbe es auch Vorteile, Augenarzt zu werden – zum Beispiel, dass ihm der Vater beim Studium helfen kann. Der Familienfrieden bliebe gewahrt und Leo könnte später die Praxis übernehmen.
Vielleicht müssen wir unser Beispiel anders bauen: Nehmen wir an, Leo will Augenarzt werden, und sein Vater arbeitet als Hilfskraft. Dann könnte man sagen „Super, der Junge will was aus sich machen!“ Oder aber „Leo ist getrieben von Geld- und Aufstiegswünschen seiner Familie“, was nicht unbedingt nach Traumberuf klingt.
Natürlich sind Geld- und Aufstiegswünsche nicht per se schlecht – im Gegenteil! Aber möglicherweise passen sie eben nicht zu Leos Persönlichkeit. Zudem kämen für Geld- und Aufstiegswünsche auch Maschinenbauer oder Notar in Frage, vermutlich auch Schuldirektor, Kriminalkommissar oder Chefredakteur.
Schauen wir uns Leas Fall an: Vielleicht will sie Maskenbildnerin werden, nur weil ihre Mutter Maskenbildnerin werden wollte. Die wurde aber schwanger und brach ihre Lehre ab. Nun muss Lea die Sache vollenden. Doch der Grund für die Entscheidung ist nicht Leas Persönlichkeit, sondern der ungelebte Berufswunsch der Mutter (übrigens ein gar nicht so seltenes Motiv).
Sammy will Botschafter werden, weil er seinen verschwundenen Vater sucht (aber nicht, weil er sich für Außenpolitik interessiert). Frida will Physiotherapeutin werden, weil ihre Mutter im Rollstuhl sitzt und eine Physiotherapeutin braucht (aber nicht, weil sie sich für Medizin interessiert). Und Henry will vielleicht gar nichts werden, um sich für die Erziehungsmethoden seiner Eltern zu rächen.
All das sind schwierige Konstellationen, die durchaus mit weiteren schwierigen Motiven verwoben sein können. Vermutlich kennt fast jeder einen Essgestörten, der Ernährungsberater werden will, oder einen Lebensuntüchtigen, der Sozialarbeiter werden will. Fast sprichwörtlich sind Leute, die eigentlich zum Therapeuten müssten, sich aber weigern und stattdessen lieber Psychologie studieren (und ihre therapeutischen Pflichtsitzungen dann auf dem Schwarzmarkt kaufen). Nicht nur im Klischee gibt es Feuerteufel, die zur Feuerwehr wollen.
Wenn Sara in ihrer Familie misshandelt wurde, wird sie später motiviert sein, Sozialpädagogik zu studieren. Wahrscheinlich aber kann sie nicht beim Jugendamt arbeiten. Denn sie kann sich nicht abgrenzen – nicht gegenüber den Opfern und nicht gegenüber den Tätern. Sie kann Gesetze nicht befolgen und hat Schwierigkeiten mit Vorgesetzten, weil sie den Umgang mit Autorität nicht gelernt hat. In so einem Fall reicht es nicht zu insistieren „Aber sie ist doch so motiviert.“ Denn Sara ist nicht motiviert, sondern getrieben. Ihre Motivation ist nur Fassade.
Hinter dieser Fassade liegen andere Motive, und wieder andere im Keller. Sie müssen angeschaut, reflektiert und einordnet werden. Je besser man sie versteht, desto weniger läuft man ihnen blind hinterher. Dem nachzuspüren ist eine Lebensaufgabe, die vermutlich dauert, bis der junge Mensch in Rente geht.
Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und Autorin des Longsellers „Der Job, der zu mir passt“ (Campus) und des Hörbuchs „Berufsfindung und Philosophie“ (Spotify).
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Podcast: Berufsfindung & Philosophie
Buchtipp: „Der Job, der zu mir passt“